Reisetagebuch einer Land- Schiffsreise,

die zur Odyssee wurde und alles änderte

02. Heuert (Juli) 1458    bis   02. Hartung (Januar) 1459

02. Heuert 1458 - Amstetten

Nunmehr Folgendes begann an einem Freitagmorgen. Der Tag versprach heiter zu werden und das im wahrsten Sinne des Wortes. Kaum die Augen aufgeschlagen, erblickte ich im Bett neben mir ..., nein, nicht Remi, sondern eine Nachricht von ihm:

„Guten Morgen geliebte Juri,

am morgigen Samstag werde ich zu einer mehrere Wochen andauernden Reise nach Italien aufbrechen.

Wenn du uns (Marci und Maxl stoßen in Bruck an der Mur dazu) begleiten möchtest so schließ dich doch bitte bis morgen Abend meiner Reisegruppe an.

In Liebe Remi“

Man kann sich gewiss meine Freude über solch Nachricht vorstellen.

Ich las die Zeilen nicht nur einmal, auch nicht zwei oder drei Mal. Im Laufe des Tages stieg die Zahl auf ein knappes Dutzend. Die Aussage jedoch blieb immer die gleiche: ... am morgigen Samstag ...

Himmel noch mal, weiß der Mann eigentlich was er da Unmögliches von einer Frau verlangt? Wie um alles in der Welt soll man oder in dem Fall Frau, in so kurzer Zeit die Reisekisten packen? Mein Problem ist weniger die Frage welches Kleid ich einpacke. Bei mir sind es solch banale Dinge wie: Wer schaut ab und an zum Haus, wie hoch wird das Unkraut diesmal bei der Rückkehr sein, was nehme ich an Proviant und Geld mit, darf ich Hund und Kater mitnehmen, stelle ich unterwegs weiterhin Tagelöhner für das Feld ein ...

Nichts, an das ein Mann auch nur einen Gedanken verschwendet. Somit wäre auch geklärt, warum man/n Hals über Kopf zu einer langen Reise aufzubrechen im Stande ist.

Es wird Remi’s Geheimnis bleiben, ob er diese Reise doch bereits seid längerem geplant hatte oder einfach nur nicht dazu gekommen war den Wagen gänzlich auszuräumen. So jedoch musste das Fuhrwerk oder wie der Herr Maxl es lieber hört - der Karren - nicht noch einmal grundausgestattet werden. Lediglich der große Stauraum wurde randvoll mit Handelsgütern und den eigenen Vorräten gefüllt. Auf den Brettern darüber lagen zusammengerollt Felle und Decken, obenauf die Kissen. Kleidung, Spielzeug für Hannes und anderer Kleinkram fanden auf geheimnisvolle Weise ebenso ihren Platz wie Diabolo und Gypsi. Die Seitenkästen außerhalb das Wagens beinhalteten auf der einen Seite Kochutensilien und einfaches Geschirr, Laternen und Talglichter und natürlich die Reiseapotheke, auf der anderen Seite Werkzeug, um die dringendsten Reparaturen selber auszuführen. Hinzu kam noch das Wasserfass und der Futterkasten für die Pferde.

Wider Erwarten war alles pünktlich gepackt und verstaut und dann hieß es, wir reisen erst am Sonntag, vielleicht auch erst am Montag. Meine Freude hielt sich erneut in Grenzen, kam ich doch so in den Genuss den leicht verderblichen Proviant für die ersten Etappen noch einmal auszupacken.

05. Heuert 1458 - Amstetten

Erneut heißt es Abschied nehmen vom Haus am See, von Amstetten und eigentlich auch von den wenigen Freunden, wenn sie denn vor Ort gewesen wären. Doch vielleicht war es besser so, denn auf der einen Seite mag ich keine Abschiede (es fließen viel zu schnell die Tränen) und zum anderen komme ich so um Fragen wie „Bist du dir sicher diese Reise unternehmen zu wollen?“.

Natürlich bin ich mir nicht sicher, ziehe ich doch die Obhut der eigenen vier Wände vor. Doch ich bin Juri und das bedeutet, dass man bei mir nie weiß woran man ist, nicht einmal ich selber weiß es.

Schon früh am Morgen kam Unruhe auf, wie üblich wenn es auf Reisen geht, egal ob in den Nachbarort, weiter weg oder noch viiiiieeeel weiter weg.

Von Remi hatte ich erfahren, dass wir mit den Geschwistern Avalos reisen. Das minderte meine Nervosität in keinem Fall. Ein Freiherr, ein Ritter und eine edle Dame. Das klang nach sich anständig benehmen und nicht wild drauf los plappern.

Der Abend im Wirtshaus belehrte mich jedoch eines anderen. Der werte Herr Maxl machte mir recht schnell klar, dass er auf Umgangsformen nicht all zu viel Wert legte. Fein, dann kann ich mir zukünftig Knicksen und dergleichen sparen, das mit dem Füße auf einen freien Platz legen sollte ich jedoch noch einmal überdenken. Überdenken muss ich auch noch die Anrede. Das Herr vor dem Maxl wurde mir großzügiger Weise erlassen. Bei Silberfüchsin schwanke ich noch zwischen Silber und Sil. Und was den Herrn Marc de Loris anbelangt..., abwarten.

Es war ein vergnüglicher Abend, mit Lachen und interessanten Gesprächen. Einziger Wermutstropfen war das Fehlen von Remi, doch daran muss ich mich seinen eigenen Worten nach gewöhnen.

Ihm ist etwas Lustiges entgangen. Sil und Maxl haben mir einen Heiligenschein gebastelt. Auch wenn ich ihn nicht wirklich verdiene, mein Spiegelbild im Fenster war recht hübsch damit anzusehen. Danke Sil! 

Genug getrödelt, ich muss zum Karren-Wagen-Fuhrwerk, welches ich – man soll es nicht für möglich halten – bis Wien zunächst ohne Remi lenken darf/muss.

06. Heuert 1458 – Sankt Pölten

Ich bin mit einem Händler verabredet der mir Holz verkaufen soll. Es ist der selbe Herr, mit dem ich bereits vor geraumer Zeit Geschäfte tätigte. Ein sonderbarer Zeitgenosse, nur auf das Nötigste zum Reden bedacht und einen ständig im Auge behaltend so als wollte man ihn bestehlen. Aber ich doch nicht! Doch irgendwie mag ich diesen geheimnisvollen Kerl – geschäftlich versteht sich.

Am Abend traf ich im Wirtshaus auf ein gackerndes Hühnchen namens Jixx. Jede Menge Schabernack trieb sie, Nichts und Niemand war vor ihr sicher. Mit ihrem überdrehten Wesen erinnerte mich der rothaarige Wirbelwind an eine unvergessene Freundin aus Linzer Zeiten.

Es war ein heilloses Durcheinander im Gasthaus und ich kam bei den Gesprächen kaum mehr mit, aber es war schön. 

Jixx gab mir zum Abschied einige aufmunternde Worte mit auf den Weg. Bezugnehmend auf meine Angst vor dem Sinken des Schiffes meinte sie:  „Da musst du keine Angst haben, bevor du ertrinkst fressen dich Haie oder Seeungeheuer.“ 

Eines hat mich an diesem Abend nachdenklich werden lassen. Als Sil nach Remis Verbleib fragte und Marci ihr erklärte, er würde erst in Bruck zu uns stoßen, da wurde mir einmal mehr als deutlich bewusst, wie wenig ich über die Reise an sich und selbst über Remi weiß. Bis dato ging ich davon aus, ihn morgen in Wien zu sehen. Nun, ich muss nicht alles wissen ...

07. Heuert 1458 – Wien

Aufgewacht in Wien, neben Hannes auf dem Wagen und diesmal nicht wie vor über acht Monaten in einem feuchtkalten Kerkerloch. Erinnerungen werden wach. Das ich eines Tages im Gefängnis landen würde war voraus zu sehen, aber wegen Landstreicherei? Zudem war ich mit Hannes schwanger. Ob ich dem Kleinen je erzählen werde, wo er bereits einmal genächtigt hat?

Jetzt bin ich erst einmal auf dem Weg zum Rathaus um die Anwesenheitsliste einzusehen und zu erkunden, ob Hannes Vater sein Wort gehalten hat uns am Mittwoch in Wien zu treffen ...

...  Trübsinnblasend bin ich am Vormittag über den Markt geschlendert, die Angebote interessierten mich wenig. Im Obstgarten haben Hannes und ich im Schatten eines Marillenbaumes Mittagsschlaf gehalten und nach dem Aufwachen ein Erdbeerbeet geplündert. Hannes mag Erdbeermus lieber als Möhrenbrei, vielleicht liegt es daran, dass ich während der Schwangerschaft zu viel der roten Früchte mit Heißhunger verspeist hatte.

Am Nachmittag ging es hinunter ans Ufer der Donau, wieder ein Ort voller Erinnerungen. Es bereitete Hannes viel Vergnügen im Wasser zu planschen und durch den feinen Sand zu robben. Dass er anschließend wie ein Ferkelchen aussah muss ich nicht extra erwähnen. Erstaunlich wie wenig Scheu er vor so viel Wasser hat, das macht mir Mut wenn wir ans Meer kommen.

08. Heuert 1458 – Ternitz

Ein Körbchen mit Walderdbeeren und die ersten Pilze waren das Resultat eines Streifzuges durch den Ternitzer Forst. Gypsi war ganz aufgedreht als sie durch den Wald tollen durfte. Der Tag gestern in der Hauptstadt ist ihr nicht bekommen. Kaum wollte sie sich an einem Laternenpfahl erleichtern, da wurde sie unter lautem Gezeter vertrieben. Als ob Gypsi der einzige Hund in der Stadt wäre ...

Das ich kein Anhängsel bin merkte ich heute als der Herr Marci mit einer Bitte an mich herantrat. Ob ich ihm in bester Schönschrift eine Bekanntmachung anfertigen könnte. 

Schreibbrett, Feder und Tinte waren rasch hervor gekramt und ein dementsprechendes Dokument aufs Pergament gezaubert. Eigentlich ist so etwas kein Problem für mich, wenn man nicht hinter meinem Rücken über Dinge tuscheln würde, die nun wirklich niemanden etwas angehen. ( * )

Was hatte ich mich darauf gefreut am Abend noch drei, vier Stunden zu schlafen eh es weiter ging. Doch der Händler mit dem ich mich treffen sollte und der mir sein Holz verkaufen wollte, er ließ auf sich warten. Hannes schlummerte längst und auch ich war im Begriff es ihm gleich zu tun, als der Kerl plötzlich neben dem Wagen stand. Nach ersten Verhandlungsschwierigkeiten, packte er die verbliebene Ladefläche randvoll. Langsam mache ich mir Sorgen, dass der Wagen die Last nicht mehr aushält und wir irgendwo liegen bleiben.

Ohnehin muss ich aufpassen, dass ich Wagen und Pferde vor mir nicht aus den Augen verliere. Die Steiermark ist – was das Reisen anbelangt – gänzlich Neuland für mich. Will ich mich nicht verfahren, so heißt es für die nächsten Etappen dicht bei den Anderen bleiben und Staub schlucken.

* PS: Kleine Randbemerkung – ich bin weder klein, noch zierlich, noch bin ich taub.

09. Heuert 1458 – Mürzzuschlag, viel Staub und wenig Menschen

Wir passieren die Landesgrenze und befinden uns ab jetzt in der Steiermark oder kurz Mark genannt. Der Weg nach Mürzzuschlag oder der Einfachheit halber Mürz genannt, war die reinste Katastrophe. Schlagloch reihte sich an Schlagloch, Pferdehufen und Wagenräder wirbelten jede Menge Staub auf.

Ach was sehne ich mich nach einem See und auch nach Remi. Mit tun Nacken und Kopf weh, die Augen brennen und ich bin mürrisch da mir Schlaf fehlt. Des Nachts wird gefahren um nicht in die größte Mittagshitze zu kommen. Immer wieder drehe ich mich zu Hannes um, aus Angst es könnte etwas nicht stimmen wenn es plötzlich hinter mir ruhig ist. Mehr als einmal flüstert mir mein Gewissen ein Wort zu: „Rabenmutter!“

Rabenmutter – weil ich Hannes mit einem Seil um den Bauch gesichert habe, welches ihn daran hindern soll bis an die Enden des Wagens zu krabbeln.

Rabenmutter – weil er bei dieser Hitze mit auf Reisen geht anstatt daheim am See zu bleiben.

Rabenmutter – weil Hannes wieder nur in Gesellschaft von Erwachsenen ist.

Rabenmutter – weil ich mich in den vergangenen Tagen nur so wenig um ihn kümmern konnte.

Wenn doch Remi endlich da wäre ...

Um noch mal auf das oben bereits erwähnte Wort „Katastrophe“ zurückzukommen – Mürz selber ist auch eine solche. Die Wirtshäuser sind leer, kein Mensch ist zu sehen. Der einzige Fremde auf den wir trafen war ein pöbelnder Engländer der uns wüst beschimpfte ((mit einem Wort, welches zu jener Zeit noch gar nicht aktuell war)).

Die Marktlage mag ich gar nicht erst erwähnen. Mir sträuben sich jetzt noch die Haare beim Fischpreis. Der „billigste“ Fisch wurde für knapp unter 20 Talern angeboten. Die Chancen meine Fisch hier Gewinn bringend zu verkaufen waren also nicht schlecht – doch Irrtum. Die Einwohner hier mögen wohl keinen Fisch, denn verkaufen konnte ich nur einen Einzigen und das trotz eines deutlich billigeren Preises.

An dieser Stelle möchte ich das katastrophale Kapitel Mürz gerne abschließen. Morgen sollten wir Bruck erreichen. 

10.-12. Heuert 1458 – Bruck an der Mur, Sonne, Hitze und ein Fluss

1. Tag

Stellplatz am Wasser suchen, die Pferde ausspannen und versorgen, Hannes schnappen und dann nichts wie zum Rathaus die Liste der Anwesenden im Ort durchsuchen, nochmals lesen, ein dummes Gesicht machen, auf morgen hoffen und zurück an den Fluss schlendern. Der wichtigste Tagespunkt wäre damit erledigt ...

Die Gruppe legt eine Pause ein um auf Remi zu warten, sollte er im Laufe des Tages nicht eintreffen. Aber auch sonst ist eine Rast sehr willkommen bei Mensch und Tier. Die Pferde können in aller Ruhe weiden und saufen, die Reisenden dösen, ein Bad nehmen, Angeln gehen und sich am Abend das ein oder andere Bier genehmigen.

Zeit zum Müßiggang bleibt mir zunächst nicht, denn es gibt genug zu tun. Essen kochen, Wäsche waschen, die Vorräte kontrollieren und gegebenenfalls auffüllen, immer wieder zur Angel schauen, ob ein Fisch am Haken hängt ... und zwischendurch immer wieder Hannes, den nur die Mittagshitze bremsen kann und er dann im Schatten erschöpft schlummert. An seiner Seite Gypsy und Diabolo. 

Am Abend dann das Treffen im Wirtshaus und zwei Überraschungen. Der Aufenthalt wird sich bis Montag hinziehen und Hannes und ich sollten in einem Gastzimmer nächtigen.

Es war mir mehr als peinlich dies abzulehnen, mochte ich doch lieber im Freien schlafen. Und der Kleine schläft auf einer Decke im Gras und von Kissen umgeben genauso gut wie in einem weichen Bett.

Die beiden Herren hatten es gewiss gut gemeint Sil und mir Zimmer zu mieten, doch bin ich es nicht gewohnt dass man so für mich sorgt. Vielleicht ist auch mein Stolz hinderlich jegliche Hilfe anzunehmen.

2. und 3. Tag

Die Hitze wird immer unerträglicher. Jede sich bietende Möglichkeit zum Abkühlen wird genutzt, sei es beim Angeln oder Baden. Natürlich haben die täglichen Arbeiten im Lager Priorität aber dann folgt die Bequemlichkeit.

Für Hannes ist gut gesorgt, haben die beiden Männer sich doch angeboten auf ihn Acht zu geben. Stolz hin oder her, dies Angebot nutzte ich schamlos aus.

Etwas Abseits des Lagers gibt es eine durch Buschwerk geschützte kleine Bucht. Rasch die Kleider abgestreift und hinein in das kühle Nass. Mit den Kleidern streife ich auch sämtliche Gedanken ab und lasse mich treiben. Herrlich ....

Währenddessen wird Hannes Kapitän im Waschzuber und er darf dabei zuschauen, wie „Onkel“ Maxl für ihn etwas schnitzt.

Es gibt nur wenig, was ich von den Tagen in Bruck in Erinnerung behalten werde. Leere Wirtshäuser und Menschen, die kein Deutsch verstehen oder verstehen wollen gehören jedenfalls nicht dazu. Dafür aber der Rast am See an sich und eine Entscheidung ...

13.+14. Heuert 1458 – Graz

Wieder ein Ort mit Wald, ein Ort der Ruhe und ein Ort zum Rasten und warten. Warten auf Dinge die nicht eintreffen werden und die vielleicht einen Traum zerplatzen lassen.

Es ist nicht mein Traum, denn ich bin längst Realist geworden und nehme die Tatsachen hin wie sie kommen, unkommentiert. Einmal noch habe ich darüber gesprochen, wenn auch nur zu einem kleinen Teil und es tat gut nicht alles zu schlucken. Den Rest werde ich mit der Zeit verarbeiten, alleine für mich, wenn ich alles verstanden habe.

Der Grazer Wald brachte mir gutes Eichenholz und die Möglichkeit mich auszutoben. Lange habe ich über Für und Wider der Weiterreise nachgedacht. Pola als Ziel bleibt bestehen, danach sehe ich weiter. Vielleicht schaue ich nach Venedig, denn: „Venedig sehen und sterben“ klingt irgendwie interessant.

Interessant klingt auch der Titel eines Buches, das ich zu veröffentlichen gedenke: „Die unglaubliche Geschichte der Familie Avalos“. ( * )

Wie komme ich jetzt eigentlich darauf? Wohl weil es um die Familiengeschichten gestern ging. Die der Avalos ist wahrlich interessant und füllt bestimmt einige Seiten.

Mir war ganz entfallen, dass hier in Graz eine gute Bekannte lebt. Es wurde mir erst wieder bewusst, als Ava_Rea am späten Abend des zweiten Tages das Gasthaus betrat. Hach ..., tat das gut sie zu sehen und mit ihr zu plaudern. Erinnerungen an Amstetten wurden wach und das unbestimmte Gefühl kam auf, demnächst einen Brief nach Hause senden zu sollen.

Hannes ist nunmehr stolzer Besitzer eines Beißrings, den Maxl ihm fertigte. Nach anfänglichem Misstrauen wird das runde Ding kaum mehr losgelassen und freudig eingespeichelt. Der Lütte bekam aber auch noch etwas anderes von Maxl verpasst, was mich ins Grübeln geraten ließ. Rote Schleifen im Haar eines Knaben! Vielleicht sollte ich den Mann einmal aufklären, dass Johannes keine Johanna ist.

PS: Woher auch immer dieses Gerücht auftauchte, die Nachricht versetzte mich schon in Besorgnis. Die Armee hat in der letzten Nach das Amstetter Rathaus gestürmt und Swawa soll nun über den „befehlen“.  Ein Brief nach Hause ist mehr als von Nöten. Doch wem schreibe ich?

* Randnotiz: Dies war natürlich nicht ernst gemeint, anderer Leute Memoiren unter die Menschheit zu bringen, selbst wenn sie lesenswert sind.

15. Heuert 1458 – Marburg an der Drau

Angst kommt auf vor der Weiterreise. Bin ich eh schon ein Nervenbündel, wenn ich nur einen Tag im Nirgendwo verbringen muss, so sind es nun mehrere Tage des flauen Gefühls im Magen. Zudem rieten mir die Männer, Vorräte für fünf Tage parat zu halten. Ich überlege umzukehren ...

Es ist nicht leicht für mich heute gelassen zu wirken, denn alles was ich tue lässt mich an das Bevorstehende denken. Waren sollen veräußert werden um schnell an Geld zu kommen und den Wagen, vor allem aber das Pferd zu entlasten, Vorräte müssen überprüft und aufgefüllt werden. Marci werde ich bitten müssen nach dem Wagen zu schauen ob alles in Ordnung ist, denn ich möchte nur ungern mit einem gebrochenem Rad unterwegs liegen bleiben.

Die Stimmung ist dementsprechend gedrückt und so werde ich den abendlichen Besuch im Wirtshaus heute ausfallen lassen.

Etwas Gutes gibt es doch noch zu erwähnen, ich habe Holz verkauft. Die Bestände aus Pölten und Ternitz wechselten zum Einkaufspreis an die Avalos-Brüder. Sie können mehr mit dem Holz anfangen als ich und selbst wenn sie es Gewinn bringend verkaufen soll es mir gleich sein.

Nun heißt es zusammenpacken, die Augen aufhalten und wachsam sein. Wir verlassen den deutschsprachigen Raum und wenden uns nach Kroatien zu. Ob es wohl hilft ein Stoßgebet gen Himmel zu senden und um eine sichere Reise zu bitten? Ich kann es versuchen, schaden wird es bestimmt nicht und es beruhigt meine Nerven.

16.-18. Heuert 1458 – im kroatischen Nirgendwo – nichts als Landschaft, eine Panne und ein halber Geburtstag

1. Tag

Nun habe ich all das hinter mir gelassen, was mich an daheim erinnerte. Naja fast alles ...  Ab jetzt beginnt das tatsächliche Abenteuer, die Herausforderungen mit der fremden Sprache, einer unbekannten Mentalität und der Ungewissheit, was der nächste Tag bringen wird.

Vor uns erstreckt sich eine weite Ebene. Goldgelbe Getreidefelder und saftig grüne Wiesen säumen den Weg. Für eine Weile folgen wir noch der Drau. Wobei ich auf andere Dinge zu achten habe als auf die Schönheit der Natur. Die Wege sind schlecht befahrbar, manchmal so schmal, dass man Sorge tragen muss nicht im Graben zu landen. Ich bin dankbar für jeden Hinweis, wie ich das Fuhrwerk zu lenken habe. Längst habe ich eingesehen, dass es keinen Sinn macht auf Selbständigkeit zu bestehen.

Und so rollt der Tross weiter durch die Landschaft, vorbei an Feldern, Wiesen und einzelnen Gehöften, die auf keiner Karte verzeichnet sind.

2. Tag

Was für ein Tag ... Wieder nur endlose Landschaft, Getreidefelder die bis zum Horizont zu reichen scheinen. Es graut mir vor der Monotonie und der damit verbundenen Gefahr auf dem Kutschbock einzuschlafen. Doch zunächst heißt es Acht geben, denn die Wege sind ausgefahren und holprig und man kommt nur langsam voran.

Wir sind noch nicht lange unterwegs, da passiert es. Ein Ruck geht durch die Reihe, Pferde und Wagen kommen zum Stehen. Ein Rad war gebrochen und musste repariert werden. Nur gut das Maxl Schmied und anscheinend auch Meister im Improvisieren ist. So gut es die Umstände erlaubten, ward bist zum Abend das Rad gerichtet, sodass am nächsten Tag die Fahrt weitergehen konnte.

Was für ein Tag ... Hannes wird ein halbes Jahr jung. Der Lütte entwickelt sich prächtig, ständig lernt er dazu und ich ebenfalls. Noch ist er kein perfekter Krabbler, dennoch sichere ich ihn während der Fahrt im Wagen mit einem Seil um den Bauch. Allmählich beginne ich ihn an Brei zu gewöhnen, denn mit Stillen allein bekomme ich ihn nicht mehr satt. Ich werde mit Sil reden, als ausgebildete Hebamme kann sie mir bestimmt Rat geben, was demnächst auf Hannes Speiseplan darf.

Auch wenn es kein richtiger Geburtstag ist, doch es gibt ein Geschenk. Mit der Fertigung habe ich bereits auf der letzten Fahrt mit Remi begonnen. Ein Hund ist aus Wollresten entstanden, für die Füllung hab ich mich an den Wollbällchen von .... ups ..., muss ja keiner wissen.

Für einen Moment lasse ich es zu, dass meine Gedanken in die Mark wandern, zurück zu Hannes Vater, den ich dort vermute. Es ist nun einmal so wie es ist und auch ein Halbgeburtstag ändert daran nichts.

Was für ein Tag ...

3. Tag

Die Wege werden besser und wir kommen zügiger voran. Um den verlorenen Tag einzuholen, umfahren wir Zagreb, die Hauptstadt des Landes. Auch in Dubovac gönnen wir uns keinen Halt.

Die Männer sind schweigsam geworden. Mir fällt auf, dass sie aufmerksam die Umgebung mustern. Ihre ganze Haltung wirkt angespannt, hin und wieder wandert die Hand zum Schwert. Woran sie wohl denken?

Noch immer säumen Getreidefelder unseren Weg, ein Traum für jeden Müller und Bäcker. Wie mögen hier die Brotpreise sein? Lohnt es sich die Vorräte aufzustocken?

Morgen werde ich es ja sehen. Endlich wieder ein Markt, Wirtshäuser und vielleicht auch ein Zuber. Bitte, lass Vrbovsko einen See haben ...

19. Heuert 1458 – Vrbovsko

Land in Sicht - nein falsch – Häuser in Sicht! Wir nähern uns einer Ortschaft, Vrbovsko müsste dies laut Karte sein und ist es auch. Leider ist es kein Ort mit See, sondern mit Wald, viel Wald. Dies merkt man sofort beim Blick über dem Markt. Holz gibt es hier genug, Grundnahrungsmittel ebenso. Aber die Preise ... Verhören konnte ich mich dank Unkenntnis der Sprache nicht und Lesen kann ich noch gut. Der Brotpreis kam nicht einmal in die Nähe von 6 Talern, Milch und Mais sehr günstig. Nicht übermütig werden Juri, du brauchst dein Geld noch! Trotz guter Vorsätze konnte ich mich beim Brot nicht zurückhalten, dafür habe ich aber auch Fisch verkauft, den es hier überhaupt nicht gab.

Die Männer konnten sich nicht beherrschen und haben den örtlichen Wollbestand dezimiert und gekauft was der Markt her gab. Man soll nicht für möglich halten, wie viel Material ein Segel verschlingt.

Vrbovsko ist ein ruhiger Ort, neben den Händlern trafen wir nur einen einzigen Einwohner an – den Bürgermeister persönlich. Wider erwarten klappte es mit der Verständigung ganz gut, auch wenn das Gespräch nicht groß über den Handel hinaus ging.  

So sehr ich mich auf einen Abend im Wirtshaus unter Leuten gefreut habe, ich musste feststellen, dass ich ohne besser zurecht komme. Beim Wagen kann ich mich mit Hannes beschäftigen, meinen Gefühlen und vor allem den Tränen freien Lauf lassen und muss nicht mühsam in Gesellschaft um Fassung ringen und lügen.

Warum bin ich nicht umgekehrt als die Gelegenheit günstig war ...

20. Heuert 1458 – Rijeka – der Adria so nah

Mit Rijeka erreichen wir zum ersten Mal einen Ort in unmittelbarer Nähe zur Adria. Der Ort gleicht einem kleinen Schlaraffenland. Weizen, Brot, Mais, Früchte, Fisch und Milch sind spottbillig. Die Menschen, denen man in den Gassen rund um den Hafen begegnet, sind wohl genährt, der Handel scheint zu blühen. Doch mir steht der Sinn nicht nach Einkäufen. Warum soll ich billigen Weizen kaufen, wenn ich kein Müller bin und ich zudem nicht weiß, ob der nächste Ort nicht ein noch günstigeres Angebot bietet. Papa würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen über solch Einstellung. Ich scheue das Risiko von Verlusten. Verlust ..., mein Verlust ist ein größerer und lässt sich nicht mit Geld aufwiegen.

Um auf andere Gedanke zu kommen, bin ich mit Hannes im Hafen unterwegs. Der typische Geruch eines Fischerortes am Meer lässt sich nicht mit dem eines Fischerdorfes am See oder Fluss vergleichen. Hier sind die Gerüche viel intensiver. Jemand, der in der Stadt oder einem Ort ohne Gewässer aufgewachsen ist, wird über meine Wahrnehmungen lachend den Kopf schütteln.

Herrschte am Tag noch reges Treiben, verschwanden zum Abend die Menschen in ihren Häusern. Die Tavernen sind leer und so zieht es mich zum Wagen, zu Hannes und meinen Träumen, die im Laufe der Nacht zu Albträumen wurden.  

21. Heuert 1458 –Republik Venedig, Italien

Gestern vorm Aufbruch meinte Maxl, ich könne heute das erste Mal in meinem Leben das Meer sehen. Er erntete dafür ein amüsiertes Lächeln. Die Adria nennt er Meer, wobei er ja im Grunde genommen Recht hat. Für mich jedoch zählt nur ein Meer – das Mittelmeer.

Es sind nur drei Vertraute (Tariq, Jeremias und KK) die wissen, dass Genua mein Zuhause war. Genua, Stadt am Mittelmeer mit bedeutendem Hafen, Tor in eine andere Welt ... Als Kind für mich der Himmel auf Erden. Bis zu jenem Tag, als mein Vater meinte mit mir ein gutes Geschäft machen zu können. Doch ist dies eine andere Geschichte.

Heute ist ein Tag an dem ich meinen Entschluss, die Avalos-Geschwister zu verlassen, in die Tat umsetzen könnte. In der Nacht bräuchte ich nur den Weg nach Norden einschlagen, an der Küste entlang und dann nach Westen, in Richtung Venedig und dann immer weiter.

Ich würde somit einer Männerfreundschaft nicht weiter im Wege stehen und ich hätte das sichere Gefühl, von mir aus entschieden zu haben was ich tue. Nach wie vor spukt der Gedanke in meinem Kopf umher, nur aus einem Freundschaftsdienst heraus noch weiter mitgenommen zu werden. Mit jedem weiteren Tag werde ich unsicherer was mein Verhalten der Gruppe gegenüber anbelangt. Ich ziehe mich nicht nur zurück, um über das Scheitern meiner Beziehung zu Jeremias nachzudenken, ich tue es auch, weil mir die Unbekümmertheit der ersten Tage abhanden gekommen ist – irgendwo zwischen Wien und der Mark. Es sind wieder diese unsinnigen, bissigen Kommentare mit denen ich versuche auf Distanz zu gehen und mit denen ich ungewollt mein Gegenüber vor den Kopf stoße.

Wir haben die Weggablung am Meer erreicht und ich bin den Wagen vor mir folgend nach Süden abgebogen. Folgsam wie ein braves Hündchen, wie ich es immer getan habe, den Mut nicht aufbringend mein eigenes Leben zu leben.  

22. Heuert 1458 und Folgetage  – Parenzo

Parenzo, was für ein Ort. Es herrscht ein Gewimmel wie lange nicht mehr. Strassen und Gassen sind erfüllt mit Stimmengewirr, dass einen nicht wissen lässt wo man zuerst lauschen soll – den feilschenden Händler auf dem Markt, den Rufen der Fischer im Hafen, den Troubadouren in den unzähligen Tavernen, hier eine Mutter die mit ihrer laut krakeelenden Rasselbande schimpft, dort ein Weib, das über ihren untreuen Ehemann herzieht ... Willkommen in bella Italia.

Unruhe kommt auf – in mehrfacher Hinsicht.

Ist es die direkte Nähe zum Meer, die indirekte Nähe zu Venedig, sind es Erinnerungen oder bevorstehende Ereignisse?  Noch ist das Gefühl unbestimmt.

Der Abend im Wirtshaus ist von Verhandlungen geprägt. Es geht um den Bau des Schiffes. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es Probleme geben könnte.

Von Sil bekam ich ein Fläschchen mit Kräuterlikör geschenkt, sie meinte ich könne ihn noch gebrauchen. Wozu? Wegen dem morgigen Tag? Jeremias sollte dann eintreffen. Ich erhoffe mir von ihm ein klärendes Gespräch, alles andere würde ich nach all der Zeit als Verrat erachten.

23.07.1458 – am Strand der Adria

Etwas Abseits der Gruppe habe ich einen idyllischen Stellplatz für den Wagen gesucht und das Lager für die nächsten Tage aufgeschlagen, die Nähe der anderen ertrage ich nur schlecht. Ich will sie nicht anstecken mit meiner Unruhe, der Gereiztheit, der abrupt wechselnden Laune und Hannes Gebrüll, denn das Zahnen setzt ihm zu. Die Avalos-Geschwister haben eigene Probleme und brauchen ihre Ruhe.

Ruhe finde ich keine, denn tatsächlich ist Jeremias in Parenzo eingetroffen. Ein Brief wurde geschrieben in der Hoffnung Remi noch einmal zu sehen, ihm Lebewohl zu sagen. Seinen Sohn wollte ich ihm zeigen, er sollte sehen dass es ihm gut geht.

Am Abend begann das Nerven zerrende Warten. Würde er kommen oder den Weg ins Wirtshaus scheuen?

Natürlich kam er nicht, also Stolz beiseite und selber hinüber ins Gasthaus. Eisiges Schweigen schlug mir entgegen, eh er den Raum verließ. Geraume Zeit später kam er zurück, legte schweigend meinen Brief auf den Tisch und verschwand. 

Keine fünf Sekunden später flog der erste Bierkrug gegen die Wand. Wut kam auf bei so viel Ignoranz. Wut, dass er es nicht einmal für nötig hielt sich nach seinem Sohn zu erkundigen. „In Liebe Remi“, so endete sein letzer Brief vor nunmehr 21 Tagen.

Ich bin froh das Lager Abseits aufgeschlagen zu haben, denn so brauche ich meine Enttäuschung nicht verbergen. Eines aber werde ich ganz gewiss nicht tun – ich werde nicht weinen!

24.07.1458 – Spaziergang durch den Ort

Was tut man oder in meinem Fall Frau um auf andere Gedanken zu kommen? Frau geht auf den Markt und kauft ein. Ein neues Kleid, bunte Bänder, beim Goldschmied eine hübsche Kette, beim Zuckerbäcker etwas Süßes ...

Ich bin wohl nicht Weib genug, denn ich halte mein Geld zusammen. Mich zieht es in die Altstadt, ich möchte mehr über den Ort erfahren. Parenzo steckt voller Geschichte. Vor nicht ganz 200 Jahren verleibte sich Venedig diesen Fischerort ein. Dann, vor etwas mehr als 100 Jahren war es, ich mag es kaum glauben, eine genuesische Flotte, die hier einfiel, plünderte und Feuer legte. ( * )

Normalerweise meide ich Gotteshäuser, doch die Kathedrale - Euphrasius-Basilika genannt - macht mich neugierig und gegen einen kühlen Platz um die Mittagszeit ist auch nichts einzuwenden. Während Hannes bereits an meine Schulter gelehnt schläft, schaue ich mir die gut erhaltenen Wand- und Bodenmosaike an, ohne jedoch zu verstehen was sie darstellen. Nach einer kleinen Pause geht es weiter. Auf dem Forumsplatz entdeckte ich Reste römischer Tempel. Die haben meine Vorfahren aber nicht auf dem Gewissen!

Und ich entdecke noch etwas, nämlich die Einsicht, dass so ein Kaff (die Bezeichnung stammt nicht von mir) mehr zu bieten hat als nur Tavernen, einen Markt und den Hafen.

* Daher also meine zerstörerische Ader.

25.07.1458 – ein unerwartetes Treffen

Trotz gestriger Erkenntnis zog es mich am Abend wieder in eine Taverne, zu einer Flasche Rotwein. Süß und schwer muss er sein und ich bin ihm erlegen.

Die Flasche war zur Hälfte geleert, als plötzlich die Tür aufging und Jeremias eintrat. Statt mit Schweigen wurde ich mit italienischer Höflichkeit konfrontiert. Ich dachte, mich würde bei ihm nichts mehr verwundern, doch stellt er mich jedes mal wieder vor ein Rätsel. Seid wann spricht der Kerl italienisch?

Er hätte auch arabisch oder französisch sprechen können und mir wäre es egal gewesen, solange er nur mit mir redet. Ich mache mir nichts vor und will den Abend gar nicht überbewerten, doch vielleicht schaffen wir es uns nicht weiter „anzufeinden“. Es muss doch möglich sein normal miteinander umzugehen, selbst bei zwei ausgemachten Dickköpfen wie wir es sind  ...

Es gibt jedoch noch eine weitere Angelegenheit zu klären, mein Verhalten den Avalos-Geschwistern gegenüber.

26.07.1458 – la vita può essere così bella

Was auch immer da gestern passiert ist, mir ist, als wäre eine immense Last von mir genommen und ich kann dazu übergehen, mein Leben zu leben.

Hannes weiß ich bei Sil in guten Händen und so habe ich mich ohne erkennbares Ziel auf den Weg gemacht.

Ich genieße mit allen Sinnen. Salzige Meeresluft füllt meine Lungen, das Kreischen der Möwen klingt in den Ohren nach, auf der Zunge spüre ich den feinen Geschmack der Gewürze, mein Magen erfreut sich mediterraner Speisen. Die Augen wissen gar nicht wohin sie zuerst blicken sollen, der Kopf bekommt eine Fülle an Eindrücken zu verarbeiten.

Im Schatten blühender Oleanderbüsche versuche ich zur Ruhe zu kommen, zu realisieren wo ich bin und wie es dazu kam. Die Gefühle schäumen über und ich fange hemmungslos an zu weinen. Es hat lange gebraucht um sich dessen voll bewusst zu werden - ich bin wieder in der Heimat - das Empfinden ist unbeschreiblich!

28.07.1458 – Hannes

Warum hat er das getan?

Am Abend brachte ein Bote mir eine Nachricht von Jeremias. Er schrieb, er hätte mich in einer der Tavernen wieder alleine sitzen sehen und ob ich mich nicht zu ihm traue, ob ich ihm aus dem Weg ginge.

Den Satz kenne ich nur zu gut aus Amstetter Zeit. Da bin ich dann häufig schwach geworden und bekam später zu hören ich würde kletten. Warum muss ich ihm hinterher rennen, ist sein Weg doch auch nicht länger. Und woher weiß ich, ob ihm meine Gesellschaft recht ist, seine Worte waren klar genug dass es aus ist.

Gestern in der Taverne, da klangen seine Worte nach Abschied. „Domani mi recherò torna in Austria“, heißt nichts anderes als dass er morgen zurück nach Österreich gehen wird. Ich solle auf den Kleinen Acht geben.

Dann besagte Nachricht heute. Mit Hannes bin ich zu ihm gegangen. Wenn er meint zu gehen, dann sollte er seinen Sohn noch einmal sehen, wer weiß wie lange es bis zum nächsten Treffen dauern würde. Jeremias war erstaunt Hannes plötzlich auf seinem Schoß wiederzufinden, zumal er doch los wollte nach Rijeka. Rijeka – das ist der erste Ort auf dem Weg nach Österreich zurück. Und dann, eh ich mich versah, stand er auf und verschwand mit dem Kleinen in der Nacht.

Das logische Denken setzt aus wenn ich in Sorge um das Wohlergehen meines Kindes bin. Ich bin mehr Mutter, als ich es mir je hätte erträumen lassen.

Sollte bis morgen Abend keine Nachricht von Jeremias eintreffen, was er vor hat und warum er Hannes ohne ein Wort zu sagen mitgenommen hat, dann Gnade ihm Gott oder an wen auch immer er glaubt ...

29.07.1458 –  vorläufig letzter Eintrag

Er ist noch da, niemand hat ihn den Ort verlassen sehen, warum also meldet er sich nicht? Ahnt er nicht, was ich für Ängste ausstehe?

Hannes Sachen sind alle noch im Wagen, die Windeln, der Beißring von Maxl, das Schmusetier ...

Weiß Jeremias überhaupt wie er mit dem Lütten umgehen soll, was er ißt und was er gerade jetzt beim Zahnen braucht?

Diese Reaktion verstehe ich einfach nicht. Noch vor einer Woche zweifelte er seine Vaterschaft bei Hannes an.

Ich kann nur hoffen, dass es Hannes gut geht und dass Jeremias weiß, dass uns Italienern die Familie heilig ist ...

01.08.1458 – Geld ist nicht alles ...

Die zurückliegenden Tage waren unerträglich für mich. Es war dieses Schwanken zwischen Rache und Verständnis, Resignation und dem Drang etwas zu unternehmen.

Und dann am Ufer der Adria, als ich mit dem Geist eines Unvergessenen Zwiesprache hielt, da entdeckte ich im Wasser vor mir eine Münze und mir fiel ein Satz ein: „Geld ist nicht alles ...“

Es war doch so einfach, gerade hier in Italien, wo es vor angeblich gewissenlosen Söldner nur so wimmelte. Heißt es nicht auch „Geld regiert die Welt“?

Es war nicht schwer Kontakt zu jenen Personen aufzunehmen, die meinen Zwecken dienlich sein konnten. Eine verzweifelte Mutter, ein Beutel mit Talern ...

Schon am nächsten Tag legte sich dank einer Brieftaube meine Unruhe, die Sorge um meinen Sohn blieb zwar bestehen, doch blicke ich nun zuversichtlich nach vorne.

Wenn Jeremias meint sein perfides Spiel auf Kosten eines unschuldigen kleinen Jungen betreiben zu können und mich zur Hilflosigkeit und Verzweiflung damit zu verdammen, dann kennt er mich nicht.

02.08.1458 – ein wenig Abwechslung

Das mein Interesse am Schiffbau verständlicherweise nicht im Mittelpunkt stand, dürfte hinreichend bekannt sein. Doch gestern habe ich es auf Bitte von Maxl geschafft  mir im Hafen Arbeit zu suchen. Was genau ich da getan habe? Keine Ahnung. Ich bekam einen Hobel in die Hand gedrückt und wurde vor einen langen Stamm geschoben. Allem Anschein nach sollte ich wohl kleine Unebenheiten beseitigen oder sollte ich den zukünftigen Mast anspitzen oder durfte ich am Ende doch unbemerkt meine Initialen einritzen? Was auch immer ich tun sollte, ich wirkte äußerst emsig ..., aber nur solange ich beobachtet wurde.

He ..., ich war in einem Trockendock, da gab es so viel Interessantes zu erkunden und es lagen nicht wenige Dinge unbeachtet umher die man irgendwann, irgendwo bestimmt noch gebrauchen konnte.

Am Abend war ich nicht nur um 18 Taler und Einsichten in den Schiffbau reicher, ich konnte auch eine Büchse Kleber, ein langes Seil, einen kleinen Ballen Segeltuch und eine Säge mein Eigen nennen.

Ach ja – fast hätte ich es vergessen. Eine skurrile Nachricht ließ mich den Rest des Tages bis spät in die Nacht im Wirtshaus verbringen. Wenn ich nicht ins Wirtshaus käme, dann würde Jeremias Hannes mit ins Wasser nehmen. Das konnte nun eine Menge bedeuten. Vielleicht wollten Vater und Sohn ja zubern. Wie dem auch sei, ich habe gewartet und gewartet ..., das niemand kam war mir eigentlich klar. Zu viele leere Versprechungen habe ich in den letzten Tagen hören müssen.

03.08.1458 – ein Fünkchen Hoffnung und Gewissheit

Der „Goldene Falke“ ist fertig gestellt, der Stapellauf war perfekt. Grund zum Feiern meinte Maxl. Während er und ich in der Taverne auf die Anderen warteten, gesellte sich urplötzlich Jeremias dazu. Es kam wie es kommen musste, meine erste Frage an ihn galt Hannes. „Er ist in besten Händen“ war nicht die Antwort die ich darauf hören wollte. Und überhaupt, was heißt in besten Händen? Hat Jeremias nicht oft genug beteuert, dass ich dem Kleinen eine gute Mutter bin? Was will er damit andeuten?

Auf die Frage, wann ich ihn zurückbekomme, denn ohne ihn kann ich nun einmal nicht sein, bekam ich zur Antwort: „Es hat niemand von dir verlangt ohne ihn auszukommen, nur weil er mal ein paar Tage nicht bei dir ist. Er wird zu dir zurück gebracht und dann kannst du ihn ja vor mir verstecken wenn es dir lieber ist, ihr seht und hört nichts mehr von mir.“

Waren dies ehrlich gemeinte Worte oder nur Ausflüchte um mich für diesen letzten Abend zu beruhigen?

Wo Jeremias schon mal am reden war, was in den zurückliegenden Wochen wahrlich eine Seltenheit war, kam er auch auf unsere Beziehung zu sprechen. Wie sagte er schon so oft: „Es gibt kein Remi & Juri mehr ...“. Nun ist es gewiss, denn anders sind Worte wie „Werde glücklich mit wem auch immer ...“, „Ich werde zurück nach Linz ziehen ...“ und „Lass den Kontakt am besten ganz enden ...“ nicht zu verstehen. (Nein Marci, es bedarf diesmal keiner Goldwaage!)  ..................................

PS: Gefeiert wurde übrigens auch noch, mehr oder weniger. Bier war in so gut wie jeder Taverne Mangelware und die rechte Stimmung zum feiern kam bei mir eh nicht auf.

 

 

 

 



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