01. Gilbhart 1458 – wieso, weshalb, warum?

Es geschah aus einer Laune heraus. Zuerst war es nur ein Kraulen des Nackens aus Langeweile. Daraus wurde ein Necken und Kitzeln, aus dem Schnurren ein Quietschen. Tastende Hände, die Gesichter so nah, Nasenspitze an Nasenspitze, stockender Atem, Blicke - tief in die Augen des anderen, die Gedanken bereits einen Schritt weiter, herausfordernde Worte ... Nur noch die Winzigkeit von Sekundenbruchstücken und ein wenig mehr Mut, dann ...
Doch im letzten Moment Besinnung seinerseits. Das ging gerade noch einmal gut, doch für wie lange?
Die nächste Gelegenheit lässt nicht lange auf sich warten. Wieder passierte es aus einer banalen Situation heraus. Die Messe in der es zu warm ist, ein Fenster das geöffnet wird und ein Lufthauch der das einzige Licht löscht. Dunkelheit und ein Stolpern über einen Stuhl. Zwei Hände die gerade noch rechtzeitig auffangen, festhalten und dann auf den Arm nehmen. Herzklopfen pur, selbst wenn die Situation unwirklich erscheint. Von Andenken ist die Rede, ein Kohlestift wird gezückt und etwas auf die Wange gezeichnet. Erneut kommt man sich näher, Hände werden gehalten und gedrückt um sie zu wärmen, noch einmal neckende Worte, auffordernd und dann ... Ein leichter Lufthauch zieht durch die Messe als eine Tür geschlossen wird.
Wieso geht er erst so weit, beendet es dann abrupt und lässt mich dann wie ein kleines dummes Kind stehen und verschwindet? Weiß er denn nicht was er bei mir ausgelöst hat und was ich fühle? Weshalb fall ich jedes Mal aufs Neue drauf herein? Warum meint er so etwas tun zu müssen?
Einzig deshalb, weil er in der Position ist dies zu tun, wohl wissend, dass kein wieso, weshalb und warum folgen wird ...
Ich erwache am frühen Morgen schon mit Kopfschmerzen und wirren Erinnerungen an einen noch viel wirrer erscheinenden Traum, der das Brummen im Schädel erklären könnte. Vorsichtig schaue ich mich um, ob irgendwo eine leere Weinflasche am Boden liegt. Aber wenigstens das bleibt mir erspart. Müde tapse ich zur Waschschüssel, tauche einen Lappen hinein um ihn mir zum Kühlen auf die Stirn zu legen. Das erfrischende Nass bringt dem Kopf Linderung, der Blick in den Spiegel eine Überraschung. Was ist denn das? Auf beiden Wangen ist etwas aufgemalt. Eine Blume könnte das eine sein, doch ist es verwischt, das andere erinnert in seiner Form an ein Herz. Wenn ich mich schon nicht schminke, warum sollte ich mich dann derartig anmalen? Für Karneval in Venedig ist dies hier weder der Ort noch die passende Zeit.
Sollte es noch weitere Geister hier an Bord geben ...

02. - 05. Gilbhart 1458 – auf dem Weg nach Agios Giorgios

Was soll ich schreiben? Vom Meer, das uns seit Tagen umgibt, vom Wind, der uns zügig unserem Ziel näher trägt, von kalten Händen und den ersten leichten Erkältungen unter den Matrosen? Ich könnte von kürzer werdenden Tagen berichten, vom schwindenden Licht und den längeren Nächten, von Einsamkeit und einem Hauch Heimweh, von Sehnsüchten und Ängsten.

Doch wen interessiert das schon ....

PS: Wir erreichen in der Nacht Agios Giorgios – doch im Hafen blockieren Schiffe der griechischen Marine einen Liegeplatz. Und auch die Bürokratie meint es nicht gut mit uns.

06. Gilbhart 1458 –  ...

In den späten Abendstunden machte ein Boot längsseits des Schiffes fest und ein Bote überbrachte zwei Nachrichten. Das eine war ein Schreiben des Hafenmeisters, das noch keine Genehmigung für das Einlaufen in den Hafen gibt, das andere ein Brief aus Amstetten an mich adressiert. Die Schrift so vertraut, Nachricht von ihm, nach über 2 Monaten. Mit zitternden Händen öffne ich den Brief und glaube meinen Augen nicht zu trauen ... 

Werte Jurina

      Ich wollte Euch nur mitteilen das unser Sohn Hannes seine letzte Ruhe auf dem Wiener Friedhof gefunden hat falls ihr das Verlangen verspürt eines Tages diesen Ort aufzusuchen.

      Jeremias_noel, Edler von Waldegg am See

Wenn Worte nicht reichen ein Gefühl auszudrücken ist es besser zu schweigen ...

07. +08. Gilbhart 1458 – da steckt der Wurm drin

Zunächst waren zu viele Schiffe vor Ort, dann gab es keine Genehmigung seitens der Behörden, danach Windstille, nun scheint es Probleme mit dem Dock zu geben ....

Verdammt ich will an Land!!! Ich habe mich so sehr auf ein Wiedersehen mit Konstantin gefreut. Auf endlose Gespräche jenseits der Seefahrt, auf Nähe, die man ohne schlechtes Gewissen zulassen kann, dies Alles basierend auf Vertrautheit und Vertrauen.

An Land brennen bereits die Lichter, aus den Tavernen im Hafen schallen Stimmen und Musik zu uns herüber. Auf Trubel und Musik kann ich gut verzichten, nicht jedoch auf Ablenkung. Alles ist so greifbar nah und doch für uns an Bord so fern. Das ist ungerecht!!!

Bereits zwei Mal stand ich vor dem Käfig mit den Hühnern, ein Messer aus Lu Ling’s Küche in der Hand. Marci sprach von einem Geist an Bord und dass Geister nur Unglück bringen. Wenn man den Göttern des Meeres und des Windes Opfer bringen kann, warum nicht auch einen Geist versuchen zu besänftigen? Doch ob Geister sich mit Tieropfern zufrieden geben?

Bedingt durch den nicht zu Stande gekommenen Halt in Lehzë gehen die Essenvorräte zur Neige. Besonders die Männer, die knapp kalkuliert hatten, müssen umdenken. Sie planen bald möglichst weiter zu segeln, Canakkale und Gemlik im Osmanischen Reich sind im Gespräch.

Mit einem mulmigen Gefühl im Magen begebe mich dann zur Nachtruhe. Ich werde das Gefühl nicht los, das der morgige Tag nichts Gutes mit sich bringt.

08. Gilbhart 1458 – böses Erwachen

Das Geräusch am morgen als ich die Augen aufschlug ist mir mittlerweile wohl bekannt, doch sollte es hier und jetzt nicht sein. Wellen die an den Schiffsrumpf mit solch Intensität schlagen kommen nur dann zu Stande, wenn das Schiff Fahrt aufgenommen hat und nicht im Hafen vor sich hin dümpelt.

Mit einem Ruck bin ich aus dem Bett und mit zwei Schritten am Bullauge. Wasser, nichts als Wasser.  Hastig schlüpfe ich in die Schuhe, der Umhang wird übergeworfen, dann eile ich an Deck, die erheiterten Blicke der Mannschaft ob meines Aufzuges ignorierend.

An Backbordseite stehend kann ich im Morgendunst die griechische Küste vorbeiziehen sehen. Mein Blick schweift übers Deck hin zum Achterdeck und bleibt dort eine Weile fragend am Steuermann hängen. Sein Blick jedoch ist starr geradeaus gerichtet oder scheint durch mich hindurchzugehen. Unbeachtet gehe ich zurück in meine Kajüte, wo ich den ganzen Tag darauf warte, dass jemand vorbei kommt und mir sagt was los ist. Gut, ich bin nur Passagier, muss nicht alles so genau wissen, es reicht wenn ich den Weg in die Messe kenne.

Dort treffe ich dann auch spät am Abend einen gut aufgelegten Kapitän, der mich nur all zu wörtlich nimmt und mir tatsächlich in den  *an dieser Stelle wurde das Wort dick ausgestrichen* kneift. Bevor ich noch dazu kam zu fragen wo genau es denn nun hin geht – Çanakkale oder Gemlik – ist er auch schon wieder weg. Herrenabend oder so.

Na fein, dann mach ich mir einen ..., hmm ..., ja was denn ..., einen Schmollabend?

09.+10. Gilbhart 1458 – banges Warten für die Einen, Gleichgültigkeit für Andere

Für eine Woche noch reicht mein Essen, mir kann es folglich egal sein in welchen Hafen wir einlaufen dürfen. Und wenn ich verhungern muss – wen kümmert es!?

Ich lege momentan eine Gleichgültigkeit an den Tag die beispiellos ist. Mir ist es egal ob es regnet oder die Sonne scheint, egal ob Lu Ling weiterhin jeden Tag versucht Fisch auf den Tisch zu bringen oder nur eine dünne Suppe in der Schüssel schwappt, egal ob Antonio an meine Tür klopft oder besser einen Bogen um mich macht, egal ob jemand mit mir redet oder mich links liegen lässt, egal ob der Schal für Paolo perfekt eins links, eins rechts gestrickt ist oder ich Maschen hab fallen lassen ( * ) ...

Die Welt besteht aus Lügen, Schein und Trug, aus Verrat und Niederträchtigkeit. Warum soll ich mir die Mühe machen und eine heile Welt vorgaukeln, die es nicht mehr gibt, die es bis auf wenige Momente vielleicht nie gegeben hat?

Nebelschwaden wabern über Deck, das Licht in der winzigen Kajüte schwindet, die langen Abende voller Einsamkeit. Es ist gerade mal Anfang Oktober, doch schon jetzt plagen mich Novemberdepressionen. Meine Mutter litt darunter und auch Oma Alvaredo. Die sonst eher resolute Frau aus Venedig, die sich Sonntags häufig ein gebratenes Täubchen direkt vom Piazza San Marco servieren ließ, litt besonders stark darunter. An einem besonders grauen Novembertag fand man ihren Leichnam Canal Grande treibend.

Meine Seele würde ich verkaufen für ein wenig Grün in der Kajüte (und sei es nur so ein dämlicher Zitronenbaum), für einen winzigen, ehrlichen Moment in den Arm genommen zu werden und für noch etwas ...

* Übrigens ist der Schal perfekt geworden, wie auch die Handschuhe, die Mütze und die dicken Socken.

11.-14. Gilbhart 1458 – Çanakkale – Karesi Sancağı / Osmanlı İmparatorluğu

Das also ist das osmanische Reich – das Tor zu einer anderen Welt, mystisch und bezaubernd, die Fantasie beflügelnd  .... und hart in der Realität auf dem Boden landend.

Çanakkale hat überhaupt nichts mit einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht gemein. Die engen Gassen der Altstadt sind staubig, im Hafen wird man bestohlen wenn man nicht Acht gibt, auf dem Markt oder besser Basar herrscht Gedränge wie andern Orts auch. Der Menschenschlag ist hier ein anderer, die Männer blicken oft grimmig drein, die Frauen, zum Teil verschleiert, begegnen einen mit großer Zurückhaltung, die Kinder rennen neugierig hinter Fremden hinterher. 

In der Luft liegt eine sonderbare Mischung aus Ziegendung und Gewürzen, dem herben Duft von Kaffee – von dem der Steuermann wie magisch angezogen wird – und immer wieder Fisch. Doch ich kann auch den süßen, samtig-warmen Sandelholzduft wahrnehmen und noch bevor ich es verhindern kann läuft eine Träne über meine Wange. Erinnerungen an einen einzigartigen Mann kehren zurück – Tariq.

Gleich am nächsten Tag werde ich eine Nachricht für ihn verfassen. Da ich nicht weiß wo der Schuft sich herumtreibt, wird ein Kontaktmann angeschrieben und gebeten, dem Araber diese Nachricht zu überbringen. Ich bin mir sicher, er wird sie erhalten, lediglich das wann und wo bleibt ungewiss und auch, ob er darauf reagiert und meinem Vorschlag nachkommt. „Wenn du mich brauchst Sahabat, dann werde ich in deiner Nähe sein, versprochen.“ Tariq weiß, dass ich ihn nie an sein Versprechen erinnern werde, daher habe ich lediglich die Bitte geäußert zu kommen.

Beim Gang über den Basar bin ich enttäuscht. Zwar erlaubt man uns zu handeln, doch was sollen wir hier groß verkaufen? Die Preise sind niedrig, lediglich für Brot könnte man einen guten Preis erzielen und merkwürdigerweise auch für Schneiderwaren. Aus diesem Grund habe ich auch keinen Erfolg meine Kleiderstoffe aus Parenzo hier umzutauschen.

Ereignisse der letzten Wochen haben mich umdenken lassen. Mir ist nicht mehr nach der dummen, braven Juri die es allen Recht machen wollte und damit letztendlich nur sich selbst erniedrigt hat. Ich will „NEIN“ sagen wenn mir danach ist und „JA“ wenn ich es für richtig halte. Es ist an der Zeit die Jurina aus der Versenkung zu holen, die ich am Besten beherrsche: die kühle, distanzierte, gleichgültige. Bissiger Sarkasmus statt höflicher Worte, Zicke statt netter Erscheinung, sich mit Allen anlegend und vor den Kopf stoßend. In mir schreit alles nach Leben – was hab ich noch zu verlieren?

Und so höre ich nicht hin wenn etwas gesagt wird und verpasse den Termin um rechtzeitig an Bord zu gehen. Am Tag der Abreise habe ich noch Arbeit angenommen und als ich damit fertig bin, da ist bereits die Planke zum Schiff eingezogen. Mir bleibt nichts anderes übrig als auf dem Anleger zu nächtigen und mich in den frühen Morgenstunden an Bord zu schleichen eh das Schiff zum auslaufen klar gemacht wird. Zum Glück ging alles gut, keiner hat etwas gemerkt. Aus lauter Übermut hab ich das ausgenutzt, bin sowohl in die Kapitäns- als auch Steuermannskajüte geschlichen und hab kurz auf die schlafenden Männer geschaut und bin dann zufrieden zu Paolo in die Koje gekrabbelt.

Wie sagte Maxl doch: „Kindern und Verrückten stehen die Götter bei!“

15. +16. Gilbhart 1458 – auf dem Weg nach Gemlik – Bursa Sancağı / Osmanlı İmparatorluğu

Wir segeln in Küstennähe weiter und ich bestaune die fremdartige Landschaft aus der Ferne. Palmen sind zu sehen und eine Kamelkarawane ist schemenhaft zu erkennen als die Strömung uns einmal sehr nah in Richtung Land treibt.
Unruhe erfasst mich und ich fiebere dem nächsten Reiseziel entgegen. Wird er kommen oder bereits da sein?
Ich sollte mir auf dem Rest der Reise keine großen Hoffnungen mehr machen, denn das Pech verfolgt uns. Vielleicht ist ja ein Jonas an Bord, jemand der für alles Unheil hier verantwortlich ist?!
Erneut bekommen wir keine Genehmigung um im Hafen anlegen zu können. Es stellt sich heraus, das der hiesige Hafenmeister sich Urlaub gönnt. Komisch – das ist bereits der zweite Ort, an dem man scheinbar noch nichts von einer Vertretung gehört hat.
Nun denn, nutze ich die Zeit eben um mit dem Schiffszimmermann zu verhandeln damit er für Paolo etwas baut. Holz hätte er noch und Zeit ..., nun ja, die nimmt er sich dann einfach, die beiden Herren müssen es ja nicht mitbekommen. Und so vergeht ein weiterer Tag an Bord ...

17. – 20. Gilbhart 1458 – die Odyssee geht weiter

Ich kenne mittlerweile mehr Hafenansichten vom Meer aus, als vom Land her. Irgendwie ähneln sie sich jedoch alle. Da ist das Leuchtfeuer in der Nacht, das den Schiffen den Weg markiert, Fischerboote dümpeln umher, Fangnetze sind ausgehangen, die bunten Fähnchen der Markierungsbojen flattern im Wind und scheinen uns zuzuwinken, an den Lagerhäusern herrscht geschäftiges Treiben, Botenjungen flitzen zwischen Rathaus, Hafenmeisterei und der Anlegestelle umher, Stimmen schallen aufs offene Meer herüber, wecken die Sehnsucht nach Landgang um den schwankenden Brettern unter den Füßen für Stunden zu entkommen.

Gemlik wurde unverrichteter Dinge verlassen und nun treiben wir zwischen Sarköy und Tekirdağ umher. Der erste Hafen ist bereits von vier Schiffen belegt, in Tekirdağ sieht es besser aus, der Hafen ist leer, nur die üblichen Fischerkähne. Nun heißt es beten, hoffen oder verhungern. Gestern habe ich mein letztes Brot verbraucht, mir bleiben noch drei Mais. Seid drei Tagen esse ich nur noch soviel, dass ich nicht gleich verhungere. Meinen knurrenden Magen versuche ich mit Unmengen an Tee zu beruhigen. Paolo quengelt, weil auch er nicht richtig satt wird. In meiner Tasche finde ich die Bonbons von Maxl. Zu einem klebrigen Klumpen sind sie geworden. Wie an einer unförmigen Zuckerstange kann ich den Knirps daran lecken lassen. Die Süße nimmt ihm eine Weile den Hunger.

Welch Ironie – der Lagerraum ist randvoll mit Waren, doch unerreichbar für uns ...

22. – 28. Gilbhart 1458 – Marmarameer – Schwarzes Meer – Donaumündung: der Heimat entgegen

Es ist beschlossene Sache, wir werden den Heimweg antreten. Sowohl Kapitän als auch Steuermann haben die Nase voll von Bürokratie, Behördenwillkür und Ignoranz. Was nützt es Dutzende Anträge und Briefe zu schreiben, wenn sie nicht ankommen oder einfach nicht bearbeitet werden.

Wie gerne wäre ich noch eine Weile im Osmanischen Reich geblieben um Menschen und Kulturen dieses faszinierenden Landes kennen zu lernen und mit eigenen Augen zu sehen, was ich aus Tariq’s Erzählungen weiß. Çanakkale bescherte mir nur einen kleinen Einblick in die außergewöhnliche Vielfalt des Morgenlandes. Hätte ich doch nur die Basarbesuche intensiver genutzt. 

 Am Abend des 23. passiert das Schiff die Meerenge zwischen Europa und Kleinasien – den Bosporus. Er verbindet das Marmarameer mit dem Schwarzen Meer. Vom Bootsmann erfahre ich einige interessante Details. Der Bosporus hat eine Länge von etwa 30 Kilometer. An der schmalsten Stelle ist er gerade einmal 700 Meter breit, an der Breitesten bis zu 2,5 Kilometer.

Überhaupt ist der Bootsmann ein Quell an Information. Ich freue mich immer auf die Abendstunden, wenn er ein wenig Zeit hat und die Messe aufsucht. Dann lausche ich seinen Erzählungen und träume mich hinfort ...

PS: Es gibt wieder zu Essen!!!

Zusatzeintrag  24. - 27. Gilbhart 1458 – das Schwarze Meer

Erneut verspüre ich eine innere Unruhe in mir, denn wieder sind wir in einer Gegend unterwegs (wenn auch nur entfernt), die mir so etwas wie Heimat bedeuten könnte. Leider ist mir der Name der Gegend entfallen in der meine Mutter geboren wurde und die noch immer die Heimat meiner Verwandtschaft ist. Irgendwo am Schwarzen Meer, östlicher als wir je segeln werden.

Ich erinnere mich noch an den russischen Namen: Tschornoje morje und ich erinnere mich an Erzählungen. Die Landschaft – eine offene, endlose Ebene, Wiesen und Felder die kein Ende zu nehmen scheinen, ein Horizont, der mit dem Himmel verschmilzt. In den fruchtbaren Tälern leben Nomadenvölker, sie züchten Pferde, sind geschickte Reiter und ausgezeichnete Bogenschützen. Aus der Milch der Stuten bereiten sie ein Getränk namens Kumys zu. Ein stolzes Volk sind sie – die Tataren – stolz und unbeugsam. Verdammt,  warum habe ich so wenig davon vererbt bekommen?

Nach drei Söhnen, die nach alter Tradition nach Vätern, Großvätern oder Onkeln benannt wurden, hatte es mein Vater wohl aufgegeben noch eine Tochter zu bekommen und so stand für ihn fest, das auch sein nächstes Kind nach einem männlichen Verwandten benannt wird. Der Zufall wollte es, dass die Wahl auf den Bruder meiner Mutter fiel und der Zufall wollte es auch, das ich KEIN Junge wurde. Nun konnten mich meine Eltern schlecht Juri nennen, doch da Onkel Jurik bereits als Pate feststand, wurde aus der Not heraus der Name Jurina ge- oder erfunden. 

Es hätte durchaus schlimmer kommen können und man hätte einen andern Onkel als Namenspaten genommen, etwa Onkel Timur.

28. Gilbhart - ??? Nebelung 1458 – auf der schönen blauen Donau

Fast hätte ich es vergessen zu erwähnen, dass wir seit gestern das Schwarze Meer verlassen haben und uns nun auf der Donau befinden. Flussaufwärts geht es nun gen Heimat. Es wird eine Herausforderung für Schiff und Besatzung, denn normalerweise ist der „Falke“ nicht als Flussschiff konzipiert. Gewöhnlich ziehen Pferde die Schiffe vom Ufer aus stromaufwärts – auch treideln genannt - doch dafür ist der „Falke“ zu groß und er hat zu viel Tiefgang. Ihm bleibt nur die Flussmitte und die Hoffnung auf ordentlich Wind in den Segeln, damit wir zügig vorankommen und die Missstände der letzten Tag aufholen können.

Was wird uns wohl erwarten wenn wir uns in den Balkanländern befinden. Noch gut habe ich Konstantin‘s Warnung im Hinterkopf, dass es hier schnell zu feindlichen Auseinandersetzungen, sprich einem Krieg kommt.

Zusatzeintrag  30. Gilbhart 1458 – Gypsy

Gypsy tobt aus Mangel an Bewegung oft ausgelassen an Deck herum. Sie schnappt gerne nach losen Tauenden oder im Wind baumelnden Seilen. Der ein oder andere Matrose schimpft dann über ihr umherhopsen und rennen. Doch was soll ich machen? Die Hündin unter Deck sperren? Solange keiner der Herren Schiffseigner an mich herantritt und mich mahnt besser auf Gypsy zu achten lassen ich ihr das Vergnügen, es wird bestimmt noch Tage geben, da sie nicht an Deck kann, weil das Wetter es nicht zulässt.

Immer wenn ich mit dem Hund an der Kombüse vorbeikomme,  fällt mir der interessierte Blick von Lu Ling auf, wie er Gypsy mit Kennerblick betrachtet. Er wird doch wohl nicht ... Ich meine es gibt genug Gerede der Mannschaft, dass Asiaten Hundefleisch essen und da nachdem das Essen neuerlich knapp wird ... 

Mit einem mulmigen Gefühl im Magen schließe ich für heute das Buch, verstecke es gut und begebe mich dann zur Nachtruhe. Die Tür zu meiner Kajüte ist abgeschlossen, Gypsy schläft wie immer in einer Ecke und so werde ich so wohl auch morgen noch bei mir haben.

 

 

 

 



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