01. Scheiding 1458 – wo steckt Silber?

Müssen wir uns Sorgen um Sil machen? Sie erscheint nicht zum Essen, in der Kajüte ist alles still, der Bootsmann hat sie nicht das Schiff verlassen sehen ... in Luft kann sie sich nicht einfach aufgelöst haben.

Beim Landgang halte ich die Augen besonders gut auf und Gypsi ihre Schnauze am Boden. Ob sie ein gutes Näschen zum suchen und finden hat?

Der Stellenmarkt ist nacht so ganz nach meinem Geschmack, die Löhne dem hiesigen Lebensstandard angepasst. Mal eine Arbeit zu finden, die mit 17 Talern entlohnt wird, das ist schon ein Glücksfall. Doch ich gehe diese Woche lieber Arbeiten als Fische fangen. Irgendwie dreht sich mein Magen beim bloßen Gedanken an Fisch schon um. Was würde ich nicht alles für ein saftiges, nicht ganz durchgebratenes Stück Filet geben.

In einer kleinen Gasse unweit des Marktes habe ich einen kleinen Schneiderladen entdeckt. Noch kann ich mich beherrschen mein Geld dorthin zu tragen, doch wie lange werde ich widerstehen können. Kleidung brauche ich so und so und nicht nur für mich.

Das Schönste am heutigen Tag waren strahlend braune Kinderaugen. Paolo bekam ein Holzpferd mit Wagen. Wenn ich den kleinen Mann nun beim spielen betrachte, wie fasziniert er von seinem Spielzeug ist, dann stelle ich mir immer wieder die Frage, woher kommt er und was hat sein zurückhaltendes Wesen geprägt?

02. – 04. Scheiding 1458 – Gefühle, Geschäfte und Geheimnisse

Sil hat sich „wieder angefunden“, wo sie war verrät sie uns aber nicht. Nachzuhaken kommt mir nicht in den Sinn, haben wird doch alle mehr oder weniger Geheimnisse, die ganz überraschend an den Tag kommen. 

Maxl’s Geheimnis bestand in seiner Vorliebe für handwerkliche Tätigkeiten zu früher Morgenstunde, wenn andere noch in den schönsten Träumen schwelgen. Was immer es zu hämmern gab, hätte er nicht drei, vier Stunden damit warten können bis ich meinen Traum zu Ende träumte? Meine Rache für dieses abrupte Aus-dem-Schlaf-reißen wird schrecklich sein!!!

Ich gehe fleißig Tagelöhnerarbeit nach, denn es muss Geld ins Säckl. Auf dem Markt habe ich Gemüse, etwas Fleisch und Früchte erstanden, die ich gewinnbringend in Lezhë verkaufen möchte, wenn wir denn dürfen. Anderenfalls werde ich jeglichen Versuch in Papas viel zu große Fußstapfen treten zu wollen unterlassen.

05. Scheiding 1458 – Eine Frage des Glaubens

Es ist Sonntag und Antonio will uns mit in die Kirche nehmen. Wie die meisten Italiener ist er sehr gläubig. So glaubt er unter anderem daran, das man für eine entsprechende Bezahlung weiterhin bei diesen eigenartigen Österreichern arbeiten könnte.

Paolo in der Mitte verlassen wir das Schiff und begeben uns in den Ort. Auf Unbekannte machen wir bestimmt den Eindruck einer richtigen Familie.

Wir gehen zwar zur Kirche, doch auf die geistige Erbauung können wir lange warten. Der hiesige Pfarrer ist genauso faul wie seine Amtskollegen in anderen Orten zuvor. Was soll’s, wir haben ein schönen Spaziergang gemacht, Paolo fühlt sich wohl, da er bis zum Mittag mit anderen Kindern spielen konnte und alle sind zufrieden. Hoffe ich zumindest ...

06. Scheiding 1458 – Großreinemachen

Das Wochenende ist vorbei, eine neue Woche beginnt und mit ihr jede Menge Arbeit.

Ein ganzer Korb voll Dreckwäsche hat sich angesammelt. Zwei Matrosen werden abgestellt um Frischwasser zu holen, Lu Ling wirft den Herd an und erhitzt das Wasser, ein großer Bottich wird an Deck gebracht, dazu ein Rubbelbrett und dann kann es losgehen. Damit sich der ganze Aufwand auch lohnt, wird nicht nur meine Wäsche gewaschen. Auch Sil wurde von ihren Brüdern zu „hausfraulicher Tätigkeit“ verpflichtet. Zu zweit geht die Arbeit schneller von der Hand, es wird geschwatzt und jede Menge gelacht. Wir stecken die Köpfe zusammen und hecken einen Streich aus. Wie es sich gehört, hängen wir unsere Wäsche auf den Leinen auf, die zwischen den Masten gespannt sind. Zwei Kleidungsstücke jedoch landen wie durch Zauberei ganz oben am Mast – eine Hose des Kapitäns und ein Hemd des Steuermanns. Fein wie sie dort im Wind flattern.

Während ein Teil der Mannschaft das Waschwasser ebenfalls zum Waschen und anschließend zum Schrubben des Decks nutzt, verschwinden wir Frauen kichernd in der Messe. Schließlich haben wir uns nach so viel Arbeit eine Tasse Tee und ein Stück von Lu Lings Kuchen verdient.

07. Scheiding 1458 – Hatschi ...

Ein Husten und Niesen ist aus der Kapitänskajüte zu vernehmen. Marci ist nicht unserer gestrigen Aktion wegen verschnupft, er ist tatsächlich gesundheitlich sehr angeschlagen.

Das Erste was beim Betreten seiner Kajüte auffällt - nachdem man wie es sich gehört ordentlich anklopft und auf Einlass wartet und nicht wieder eigenmächtig sich Zutritt verschafft – ist eine bunte Ansammlung von Schnupftüchern, die frisch durchgespült zum Trocknen hängen.

Angeklopft habe ich, auch auf das „Herein!“ gewartet und nun stehe ich da mit einer Tasse heißer Zitrone. Marci’s Gesicht, als ich ihm sage was ich ihm da bringe, wird augenblicklich so säuerlich wie die Zitrone selbst. Er sei nicht krank, er werde es höchstens noch nach dem Genuss dessen, was ich ihm da bringe. Den selben Spruch höre ich wenig später noch einmal, als ich es mit Kräutertee versuche. Erst beim dritten Versuch, diesmal ist es Hagebuttentee, habe ich mehr Erfolg. Tatsächlich nimmt der Herr Avalos einen Schluck, verzieht keine Miene und ringt sich sogar zu einem kleinen Lächeln durch. Ob’s am Tee liegt oder er mir nur einen Gefallen tun mag sei dahingestellt. Aber so sind Männer nun einmal. Wissen nicht was gut ist wenn man Erkältet ist, aber bemitleidet werden wollen, weil es ihnen ja so unendlich schlecht geht, das möchten sie schon. Wobei ..., hat Marci nicht gesagt er sei nicht krank? Irgendwie werde ich aus dem Mann nicht schlau.

Heute kam Post aus Amstetten oder war es Steyr? Keine Ahnung denn aus den exakt vier Zeilen die Becca geschrieben wurde ich ebenfalls nicht schlau. Vielleicht sollte ich es zukünftig unterlassen andere mit meinen Briefen zu belästigen, dann bin ich auch nicht enttäuscht wenn kaum etwas zurückkommt. Wenn ich jedoch an den Brief von Sanguinius denke, einem Mann den ich nur flüchtig kenne. Vielleicht sollte ich ihm bei Gelegenheit schreiben, schien er doch sehr interessiert zu sein.

08. Scheiding 1458 – Gedanken an zu Hause

Ein Brief geht auf Reisen, diesmal hin zu KK, denn sie hat Geburtstag. Bestimmt wird sie mit ihrem Grumpold und jeder Menge Freunden in gemütlicher Runde feiern. Es wird viel gelacht und das ein oder andere Bier getrunken, denn wo KK steckt, da ist immer jede Menge los. Bewahre dir dein sonniges Gemüt KK – das wünsch ich dir von ganzem Herzen.

Heute kam zum ersten Mal so etwas wie Unmut auf. Es ging um die Dauer des Aufenthaltes hier vor Ort. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der 19./20. des Monats von Anbeginn als Termin feststand. Wie auch immer, ich mag mich nicht an den Diskussionen beteiligen. Wenn es sein muss, dann werde ich einfach zurückbleiben und auf dem Landweg heimwärts ziehen. Ich bin es leid, das meinetwegen schlechte Stimmung in die Gruppe kommt, das hatten wir bereits. Der Dicke hat gewiss nichts dagegen, wenn er den Wagen nach Hause ziehen kann. Wobei ein zu Hause müssen Paolo und ich uns erst suchen. Doch es sollte mich wundern, wenn ein ganz bestimmtes Haus in Amstetten zwischenzeitlich einen Besitzer gefunden hat. Schlimmer als damals bei meinem Ersteinzug kann es auch nicht aussehen. Ich werde mich um ein gemütliches Heim kümmern, um die Vorräte für den Winter was Speisekammer und Brennholzvorrat anbelangt und darum, dass ich meinen Sohn zurückbekomme. Ich werde wieder Hausfrau und Mutter und genieße ein beschauliches Leben in den eigenen vier Wänden, allem aus dem Weg gehend, was nur annähernd nach Konflikt aussieht.

Es gibt aber noch einen Grund, der mich überlegen lässt heimwärts zu ziehen ...

09. Scheiding 1458 – Ruhe am Strand

Heute habe ich mir Paolo, Gypsy und einen Proviantkorb geschnappt und ab ging’s an den Strand. Ich hielt es für das Beste um einer erneuten Diskussion aus dem Weg zu gehen.

Wieder war der Kleine eifrig am buddeln und „Häufchenburgen“ bauen. Auch die Hündin ließ sich anstecken und begann zu kratzen, dass der Sand nur so flog. Leider saß ich genau in der Flugrichtung, sodass ich anschließend um ein Bad nicht umher kam. Zum Glück hatte ich uns eine versteckte Bucht gesucht um unbeobachtet zu sein. Auch wenn ich Paolo gut bewacht in Obhut von Gypsy wusste, so traute ich mich doch nicht weit hinaus zu schwimmen. Das Wasser ist so klar, das man weit auf den Meeresgrund hinabblicken kann. Eine große Muschel entdeckte ich dabei. Natürlich bin ich hinunter getaucht um sie herauf zu holen, das konnte ich mir nicht entgehen lassen.

Im Laufe des Tages kamen weitere Muscheln hinzu, auch einige besonders schöne Steine. Meine Fundstücke wanderten in den mittlerweile geplünderten Proviantkorb. Bei Paolo konnte ich einen wachsenden Appetit beobachten. Frische Meeresluft und das Herumtoben mit dem Hund am Strand machen den kleinen Abenteurer hungrig. Was bin ich glücklich, das der Junge sich so gut entwickelt hat. Einzig um seine Sprachentwicklung mache ich mir Sorgen. Auch heute habe ich wieder am Strand mit ihm geübt, doch ausser Glucksen und Brabbeln erziele ich keine Erfolge. Aber Aufgeben kommt nicht in Frage. Ob Hannes daheim bereits Papa sagen kann?

PS: Der Strandaufenthalt hat mich auf eine Idee gebracht. Heute werde ich den Herrschaften mal ein wunderbares Abendessen zaubern, mal sehen ob sie es ihnen schmeckt.

10. - 12. Scheiding 1458 – Traum oder Wirklichkeit

Wieder neigt sich eine Woche dem Ende entgegen. Rückblickend kann ich nur sagen, die Tage waren anstrengend. Es gab Arbeit im Goldbergwerk und als schlecht bezahlter Tagelöhner auf den Bauernhöfen. Ich gedenke kommende Woche wieder fischen zu gehen, das hat mir wesentlich mehr Spaß gemacht, zumal ich Paolo mitnehmen konnte und niemanden bitten brauchte auf ihn aufzupassen. Zu genau habe ich noch Maxl’s Worte im Ohr. Auch wenn er es nicht direkt ausgesprochen hatte, doch glaubte ich zu verstehen, dass ich nicht darauf bauen soll, dass andere meine Pflichten dem Kind gegenüber mir abnehmen werden.

Ein merkwürdiger Traum suchte mich letzte Nacht heim. Ich sah mich selbst mit wallenden roten Haaren und einem Birkenreisigbesen in der Hand. Ein Mann, dessen Gesicht ich nicht erkennen konnte, doch dessen Stimme mir sehr vertraut erschien, nahm ihn mir fort, streute einen Bannkreis aus Salz darum und murmelte mir unverständliche Worte. Beim Versuch den Besen zurück zu bekommen, stieß ich mir an einer unsichtbaren Barriere den Fuß. Kurz wachte ich aus meinem Traum auf und stellte fest, dass ich mir tatsächlich den Fuß angeschlagen hatte, allerdings am Ende meiner Koje. Kaum war ich wieder eingeschlafen, setzte sich der Traum fort. Ich schwang mich auf den Besen und kreiste einmal über dem etwas verblüfft dastehenden Mann. Ein hämisches Grinsen schickte ich zu ihm herunter, dann wollte ich mich aus dem Staub machen. Doch wie aus heiterem Himmel saß jäh ein Falke auf dem Besenstiel. Der Anblick seiner menschlichen blauen Augen verwirrte mich so sehr, dass ich die Kontrolle über mein Fluggerät verlor und in der Krone einer Kastanie landete.

Wie ich herunterkam und was dann geschah, daran konnte ich mich nach dem Aufwachen nicht mehr erinnern. Ein seltsamer Traum, doch noch verwunderlicher waren die blauen Flecken an meinem Körper und eine Schmarre auf der Wange am nächsten Morgen. Zugegeben, ich glaube nicht an Hexen die auf Besen reiten können, doch abergläubisch bin ich schon. Ganz unten aus meiner Reisetruhe kramte ich heute ein Sandelholzkästchen hervor. Tariq hatte es mir einst geschenkt, samt Inhalt. Die Runenkette die dort gut verwahrt war, liegt nun um meinen Hals, verborgen vor den Blicken Anderer.

Wie gesagt, ich glaube nicht an fliegende Hexenwesen, jedoch an die Kraft der magischen Zeichen und den damit verbundenen Glauben, was für viele Menschen unverständlich und gleichbedeutend mit Hexenkult ist.

13. Scheiding 1458 – Samt oder Seide oder nur einfaches Wolltuch?

Ich hab es lange genug hinausgezögert, allein schon um das benötigte Geld zusammen zu bekommen, doch nun drängt die Zeit. Mit Paolo an der Hand ging es heute in den Ort, hin zum Schneider. Der Junge braucht dringend wärme Sachen. Die Liste der Kleidungsstücke ist lang. Ganz zuoberst steht ein Mäntelchen zum zuknöpfen, denn wenn der Wind auf hoher See peitscht, dann nützt ein Umhang gar nichts. Weiterhin werden Hosen und Hemden und festes Schuhwerk benötigt. Auch ich möchte mir ein Kleid kaufen. Eines aus nachtblauem Samt ließ mein Herz höher schlagen, doch als ich den Preis für alle Kleidungsstücke zusammen vernahm, verschlug es mir die Sprache. Ich erbat mir Bedenkzeit und verließ fast schon fluchtartig die Schneiderstube.

Zum Glück gibt es nicht nur einen Schneider in Parenzo, also auf zum Nächsten. Diesmal gehe ich die Sache anders an. Nur das Nötigste gebe ich in Auftrag.

Paolo brüllt los und will davonlaufen als der Schneider mit der Elle an ihn herantritt um Maß zu nehmen. Es braucht eine Menge beruhigender Worte um ihn dazu zu bewegen unter dem Tisch hervor zu kommen. Erst als er sieht,  wie der Mann bei mir alle nötigen Maße für das Kleid nimmt, lässt auch er sich vermessen, wenn auch mit ziemlich bangen Blick.

Für Paolo lasse ich den Mantel schneidern und mir ein einfaches Kleid aus dickem Wolltuch. Außerdem bekommt der Junge gleich ein paar feste Schuhe. Mit den Stiefeln lasse ich noch Zeit,  Kinder wachsen doch so schnell. Für die anderen Sachen kaufe ich Stoffe und werde selber zu Nadel und Faden greifen. Zeit habe ich auf dem Schiff genug und vom Schneiderhandwerk verstehe ich auch einiges, selbst wenn die Zeit mit dem eigenen Laden lange zurück liegt. In den kommenden Tagen möchte ich noch Wolle kaufen und dann mit stricken anfangen. Doch erst einmal heißt es fleißig sparen. Der Traum von einer nachtblauen Robe aus Samt ist ausgeträumt.

14. Scheiding 1458 – Sugar

Lange habe ich nachgedacht ob ich das Angebot annehmen soll. Doch letztendlich ist es viel zu verlockend. Folglich übergebe ich Paolo in die Obhut der Avalos-Brüder, suche aus dem Lagerraum einige schrumplige Karotten und angeschlagene Äpfel und verlasse das Schiff.

Auf geht’s zur Weide auf der unsere Pferde grasen. Der Dicke kommt kaum meiner ansichtig angetrabt. Er bekommt sogleich einen Apfel gereicht, den er sich auch schmecken lässt. Eines der Wagenpferde wälzt sich behaglich im Sand, während die beiden Pferde der Männer übermütig über die Wiese galoppieren. Ihr überschäumendes Temperament lässt mich in meinem Vorhaben schwanken. Zu lange ist es her, dass ich auf einem Pferd saß. Den Dicken muss ich erst einmal in seiner Fressgier stoppen, sonst gehen die anderen Pferde leer aus. Ich versuche sie zu locken und tatsächlich kommen sie zu mir. Vorsichtig näher ich mich dem weißen Hengst, gebe ihm wie versprochen die Karotten. Ob ich es wage?  

Da Maxl mir nicht verraten hat, woher ich den Sattel nehmen soll, bin ich auf die Zügel angewiesen die bei der Weide hinterlegt waren. Leise auf Sugar einredend befestige ich sie am Zaumzeug, dann führe ich das Tier probeweise einige Schritte über die Wiese. Wie erwartet sträubt es sich, doch mit einem Apfel bekomme ich den Hengst fügsam (ist in der Welt der Menschen auch nicht anders). Dann kommt der spannende Moment. Alles andere als Elegant schwinge ich mich auf den Rücken des Pferdes. Mit leichtem Schenkeldruck gebe ich Sugar zu verstehen, das wir jetzt einen Ausritt unternehmen. Die ersten Meter ist alles noch etwas verkrampft, doch allmählich kehrt die Sicherheit zurück, bald schon trabt das Pferd in Richtung Strand und dort hält uns nichts mehr auf. Die Zügel locker gelassen geht es im Galopp am Wasser entlang. Dem Pferd ist anzumerken, dass es seine Freude hat voranzustürmen. Das Gefühl ist unbeschreiblich, als würde ich fliegen. Ich muss an mich halten um Sugar nicht zu überfordern. Zwar wird er rasante Ausritte gewohnt sein, doch kann ich das mir fremde Pferd nicht einschätzen.

So wie wir über den Strand und anschließend über Feldwege jagen, jagt auch die Zeit. Zurück auf der Weide lasse ich Sugar saufen und reibe ihn währenddessen ab. Er bekommt noch einen Apfel, dann muss ich zurück zum Schiff. Völlig verschwitzt, die Haare zerzaust und den Rock noch gerafft, suche ich Maxl und bedanke mich bei ihm. Er ahnt nicht, welch Freude er mir gemacht hat.

15. – 17. Scheiding 1458 – Tage voller Arbeit

Der Aufenthalt in Parenzo geht seinem Ende entgegen und noch einmal heißt es alles durchzugehen um für eine lange Reise gerüstet zu sein. Während sich die Männer um den Zustand des Schiffes sorgen, die Ausrüstung vervollständigen und für raue Tage auf See vorbereiten, kümmern wir Frauen uns um die leiblichen Belange der Reisenden. Sil schaut im Ort nach günstigen Angeboten um das Vorratslager aufzufüllen, ich werde mit Lu Ling hinaus aufs Land fahren. Der Bootsmann hat einen Leiterwagen organisiert, der Dicke wurde vorgespannt, die lautstarken Proteste des Chinesen ignoriert. Meine Güte, kann er nicht einmal über seinen Schatten springen und für alle an Bord etwas anderes zubereiten als Fisch? Er muss es ja nicht essen. So langsam habe ich den Verdacht, er hat überhaupt keine Ahnung wie man Fleisch und Gemüse zubereitet und als ich ihm dies auf der Fahrt zu einem Bauernhof an den Kopf knalle, ist der kleine Mann zum ersten Mal seit ich ihn kenne für gut zehn Minuten sprachlos. Selbst auf dem Landgut angekommen überlässt er mir das Reden, etwas anderes hätte ich auch nicht zugelassen.

Der Bauer ist sehr zuvorkommend und es ist ein Vergnügen mit ihm über die Preise zu feilschen. Das gehört nun einmal für uns Italiener dazu und nach langer Zeit fühle ich mich endlich so, als würde ich einen nützlichen Beitrag für alle an Bord leisten können. Schon bald stehen Fässer mit Sauerkraut, eingelegten Bohnen und Pökelfleisch auf dem Wagen, dazu kommt eine Menge an Räucherware wie Speck, Schinken und Dauerwurst. Einen gut abgehangenen kleinen Schinken lasse ich mir extra einpacken und er wird auch nicht vom Geld bezahlt, welches mir Marci mitgegeben hat. Der Schinken ist für jemand besonderen bestimmt.

Die Männer würden über mein Handeln die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wüssten sie für was ich das Geld ausgebe. Zwar nehme ich Krüge mit einfachem Öl mit, aber auch das gute und daher etwas teurere Olivenöl wird gekauft. Kisten mit frischem Obst und Gemüse, Säcke mit Hülsenfrüchten und Behältnisse mit Trockenobst türmen sich auf dem Wagen, als mich der Bauer an einen guten Freund von ihm verweist. Dort würde ich den besten Käse der Region bekommen. Das Geld wechselt den Besitzer und ich bedanke mich höflich bei dem Mann für seine zuvorkommende Art.

Auf dem Gut des Schaf- und Ziegenzüchters werden wir mit einem Glas Wein empfangen, so als wüsste man bereits von unserem Erscheinen. Man bietet uns kleine Kostproben der Käsesorten an. Lu Ling verzieht das Gesicht, was ihm einen tadelnden Blick meinerseits einbringt. Wenn er keinen Käse mag, dann soll er es bitte nicht so offen zeigen, schließlich ist man hier nur gastfreundlich.

Die Besitzer des Hofe sehen einfach gelassen über das Gehabe des Asiaten hinweg und bleiben mir gegenüber weiter zuvorkommend. Ich muss gestehen kein Käsekenner zu sein und von daher werde ich gut beraten was den Kauf anbelangt. Hartkäse wird mir eingepackt, aber auch Leibe, die noch lagern müssen und daher gut für eine längere Reise geeignet sind. Quark und Sauerrahm für die nächsten Tage nehme ich mit, dazu frische Eier und auch eine Kruke mit sauer eingelegten Eiern. Beutel mit getrockneten Gewürzen wechseln den Besitzer und am Ende auch ein gutes Sümmchen Taler.

Zufrieden trete ich den Heimweg an, denn wider Erwarten bleibt noch Geld übrig. Die Männer wird es hoffentlich freuen, dass ich nicht leichtfertig alles ausgegeben habe, wie sie befürchtet haben bevor ich loszog.

Auf dem Rückweg kommen wir an einem kleinen Bauernhof vorbei und ich glaube einen Imker gesehen zu haben. Ich drücke Lu Ling die Zügel in die Hand und begebe mich auf den Hof. Tatsächlich wird hier Honig hergestellt. Mein Herz schlägt höher und mir läuft das Wasser im Mund zusammen – süßer goldgelber Honig, teuer aber so lecker!

Es ist nicht leicht einen guten Preis auszuhandeln, doch letztendlich erstehe ich einige Töpfchen für die Avalos-Geschwister und natürlich auch für Paolo und mich, welcher aus eigener Tasche bezahlt wird, wie auch die Flaschen Apfelmost für den Jungen.

Der Karren ächzt als wir im Hafen ankommen und ich bin im ersten Moment froh, dass keiner der Männer meine Einkäufe sieht.  Beim gemeinsamen Abendessen, wenn ich die Einkaufsliste und das Restgeld vorlege, werde ich ja sehen, ob ich zu ihrer Zufriedenheit tätig war.

Am nächsten Tag ging es noch einmal kurz raus aufs Land, diesmal ohne Wagen, dafür hoch zu Ross, denn noch einmal durfte ich mir Sugar ausleihen. Ich suchte erneut den Schafzüchter auf und erstand bei ihm Wolle und billige Schaffelle. Das hätte ich fast vergessen, wollte ich doch Sachen für Paolo stricken.

Apropos Sachen – zum Schneider war ich auch noch. Der Mantel für den Jungen versetzte mich in Entzücken, wie wohl der Knirps darin aussehen mag? Mein in Auftrag gegebenes Kleid passt wie angegossen und ich bin zufrieden mit der Wahl. Ein Kleid aus Samt kann ich mir immer noch nähen, wenn wir wieder daheim sind, jetzt ist es angebracht auf Robustheit zu achten und nicht auf Eleganz. Kurz kommt mir die Dame auf dem Bild in Maxl’s Kajüte in den Sinn und das Kleid, welches sie darauf trägt. „Nicht auf das Äußere kommt es an, sondern auf das, was im Inneren steckt“ hat Tariq mir einst gesagt, als ich in zerschlissenen Sachen vor ihm stand. Ich könnte ein Kleid aus Brokat und Seide tragen und würde nie eine perfekte Dame sein, diese Frau auf dem Bild jedoch, sie schien diese vollkommene Einheit aus Eleganz, Vornehmheit und inneren Werten in sich zu vereinen. 

Müde falle ich an den Abenden in meine Koje, kuschle mit Paolo eh er in seinen Schlafkorb gebettet wird, dann singe ich ihm noch ein Lied vor und bestimmt fallen auch mir dabei die Augen zu. 

PS: Ob ich mal mit dem Schiffszimmermann rede bezüglich eines Bettes für den Jungen? Vorher jedoch unbedingt mit den Schiffseignern reden!!!

18. Scheiding 1458 – zu viel „Grüner“ ist nicht gut

Ein Glas wollte ich nur trinken damit es nicht immer heißt ich würde kneifen und nichts vertragen. Doch rasch war das Glas erneut gefüllt, noch ein drittes und viertes Mal, irgendwann war die Flasche leer und eine zweite wurde angefangen. Maxl und ich saßen oder besser, wir lagen auf dem Deck, das Schiff schwankte, so kam es uns zumindest vor, und wir redeten über alles Mögliche. Ein Stern fiel vom Himmel und Maxl meinte, ich solle mir etwas wünschen. So viele Wünsche habe ich zurzeit, zu viele für einen einzigen Wunschstern. Ich darf ihn nicht verraten, sonst geht er nicht in Erfüllung und daher werde ich ihn auch nicht aufschreiben. Irgendwann am späten Abend, die zweite Flasche war fast leer, da kamen wir auf die glorreiche Idee ins Krähennest zu klettern. Ich wollte Sterne pflücken, Maxl einem besondern Stern ganz nahe sein. Für mich scheint keiner dort oben, ich habe mir ein Sternbild ausgesucht – den Orion. Eines Tages werde ich den beiden Jungs dieses Sternbild erklären und dann haben wir ein Zeichen in der Nacht, wenn wir getrennt sind und an einander denken. Ob Hannes noch an mich denkt oder ob er seine Mutter schon vergessen hat und bereits zu einem andern Weib Mama sagt? „Ich hab dich lieb mein kleiner Engel“, rufe ich in die Nacht und Maxl versichert mir, das Hannes es spürt, dass ich an ihn denke.

Kaum sind wir sicher zurück an Deck, fällt Maxl die nächste Verrücktheit ein. Er balanciert auf der Reling entlang und plumpst plötzlich ins Wasser. Warum ich hinterher gesprungen bin weiß ich selber nicht, vielleicht aus Sorge um ihn oder war es der Lemming-Effekt?

Wir sind zu einer Bucht geschwommen, sind wie kleine Kinder Händchen haltend am Strand entlanggelaufen und haben nach einer Sandburg Ausschau gehalten, die Paolo vor einigen Tagen hier gebaut hat. Zu spät ist mir bewusst geworden, wie nah wir uns die ganze Zeit waren. Und als es mir bewusst war, da wurde ich trotzig, nur um die eigene Unsicherheit zu überspielen. Ich hoffe Maxl hat es nicht falsch aufgenommen.

Der Abend hat mich vieles gelehrt, das ich die Finger vom „Grünen“ lassen sollte war nur eines davon. Doch auch den Rotwein sollte ich nur noch in Maßen trinken und nicht wie noch in der Nacht geschehen eine ganze Flasche allein. Er verhalf mir nur zu einem tiefen, traumlosen Schlaf, an die Folgen mag ich gar nicht denken.

19. Scheiding 1458 – Kater und Kapitän an Bord

Oh man, was sind das nur für Kopfschmerzen? Lag es am „Grünen“ oder am Rotwein? Oder einfach nur daran, das man oder besser Frau mal wieder ihren Dickkopf zeigen musste? Egal woran es lag, Schuld bin ich selber und darf als Folge dessen den heutigen Tag mit einem Hämmern im Kopf verbringen. Um Maxl mache ich einen großen Bogen und wenn wir uns doch zufällig über den Weg laufen, dann ist jeder von uns bemüht sich nichts anmerken zu lassen. Ich könnte wetten, dem Herrn Avalos geht es auch kopfmäßig nicht besser.

Einem anderen Herrn der Avalos-Familie geht es hoffentlich besser. Der Herr Kapitän ist aus seinem Urlaub zurück und ab jetzt herrscht wieder Ordnung an Bord. Marci hatte sich für ein paar Tage zurückgezogen um Zeit für sich zu haben. Es war dringend erforderlich, denn die Anspannung die mit dem Bau des Schiffes begann und über die Zwischenfälle in einigen Häfen sich fortsetzte schien ihm zuzusetzen. Neugierig bin ich schon wo er war und was er gemacht hat. Doch Marci wird es genauso wenig verraten, wie wohin ihn seine nächtlichen Streifzüge führten als er noch an Bord war. Männergeheimnisse eben ...

Wie gesagt, ab jetzt herrscht wieder Disziplin an Bord. Keine Saufgelage mehr, die Mannschaft hat sich wieder zu sputen, Antonio wird nicht mehr heimlich .... (oder jetzt erst recht noch heimlicher ...?)

Ein letztes Mal wird das Schiff überprüft, kontrolliert ob alles an Bord ist, sollte tatsächlich noch etwas oder gar Jemand fehlen, dann ist es nun auch zu spät, denn die Planke wurde eingeholt, das Schiff wird zum Auslaufen klar gemacht, in der Nacht verlassen wir mit aufkommender Flut Parenzo. Auf zu neuen Abenteuern ...

20. + 21.  Scheiding 1458 – unterwegs nach Lehzë

Erneut sind wir auf dem Weg in den Stadtstaat Lehzë. Was uns diesmal wohl erwartet? Dürfen wir unsere Waren verkaufen und wenn ja, zu welchem Preis und werden wir uns dabei selbst in die Quere kommen? In den zurückliegenden Tagen hat jeder von uns auf dem Markt nach günstigen Angeboten geschaut und hofft nun gute Geschäfte zu tätigen. Ich bin da Realist und erhoffe mir nur keinen Verlust zu machen, alles weitere wäre mir willkommen, aber egal.

Egal ist mir zur Zeit sowieso so Einiges. Einen plausiblen Grund habe ich eigentlich nicht, war die Reise bislang doch recht abwechslungsreich und mit Paolo bekam mein Leben wieder einen Sinn. Die nun angetretene lange Strecke bis hinunter nach Griechenland werde ich intensiv nutzen um mit dem Jungen sprechen zu üben. Jeder kleine Laut, jedes scheinbar unbedeutende Brabbeln ist für mich ein Zeichen, das er versteht worum es geht. Am letzten Tag unseres Aufenthaltes in Parenzo habe ich ein Bilderbuch erstanden – gebundene Holztafeln mit bunten Bildern. Anhand der darauf gemalten Tiere und Gegenstände versuche ich ihm Worte beizubringen, ihn überhaupt erst einmal zu sprechen zu animieren.

So wie wir auf der Adria dahindümpeln, so dümpelt auch das Leben an Bord dahin. Schade das sich nicht ein Interessent gefunden hat, um auf dem „Goldenen Falken“ mitzureisen.

22. Scheiding 1458 – Traum oder Wirklichkeit

Der heutige Tag war irgendwie verrückt. Ich glaubte mich in einem Traum gefangen, real und wirr zugleich:

Die edle Dame auf dem Bild in des Steuermanns Kajüte war aus dem Rahmen gefallen und geisterte nun auf dem Schiff umher. Das erste Mal begegnete ich ihr auf Deck, wo sie sich Händeschüttelnd vorstellte. Maxl schien ganz angetan von ihr und es dauerte nicht lange, da waren beide in ein Gespräch vertieft. Sie lachten, machten Scherze unter anderem weil ich mein Tagebuch angeblich offen herum liegen lasse und Maxl es mittlerweile schon als Tageszeitung ansieht. Dabei bin ich mir mehr als sicher einen guten Ort gefunden zu haben, wo meine Aufzeichnungen sicher verwahrt sind. Nun gut, zukünftig werde ich auf eine etwas schmerzliche Falle zurückgreifen, von der Tariq mir einst erzählte.  

Das Gespräch plätscherte so dahin, nahm dann einen persönlicheren Verlauf und diskret wollte ich mich zurückziehen, doch man hielt mich zurück. „Eine Anstandsdame sollte hier bleiben“, hieß es. Man sprach über Truhenschlösser, Spaß den man zu zweit haben kann, über Zuber auf männerdominierten Schiffen und über irgendwelche „Personen“ deren Namen mir unbekannt waren, aber Hauptsache ich bekäme Gesellschaft (beim zubern), egal um wen es sich handelt. Sofort drängten sich mir zwei Fragen auf: Heißt das, ich teil mit jedem Kerl Zuber und Koje? Und wenn ich anderweitige Gesellschaft habe, wäre damit sichergestellt dass ich die Finger von einem ganz bestimmten Mann lasse?

Um Antworten auf diese und andere Fragen zu finden, mache ich mich auf den Weg nach oben ins Krähennest. Dort bekomme ich wenigstens kein Wort von dem mit, was an Deck gesprochen wird und eh nicht für meine Ohren bestimmt sein sollte. Kaum in luftiger Höhe, die Gedanken wollten gerade abschweifen, hör ich’s kichern und nur wenig später steht das Paar ebenfalls im Krähennest. Es wird eng, gut für das Paar, schlecht für meine nackten Füße. Ergo mache ich mich an den Abstieg, sollen die Zwei dort oben doch tun und lassen was sie wollen, ich hab was besseres zu tun als einen Anstandswauwau abzugeben.

Es ist Zeit Paolo ins Bett zu bringen, ihm eine Gute-Nacht-Geschichte zu erzählen und mich dann, meinem neuen Ruf folgend, nach einem Kerl umzusehen, der mir die Abendstunden versüßt. 

Eines steht nach dieser Nacht fest – zukünftig werde ich Portraits und die Steuermannskajüte meiden.

23. –25. Scheiding 1458 – Tinte die man sich sparen könnte

Es gibt nicht wirklich etwas Erwähnenswertes zu berichten. Die Tage ziehen sich dahin, einer gleicht dem anderen, die Erinnerungen an den Landaufenthalt sind allgegenwärtig, die Aussicht diesmal länger am Stück auf See zu sein bedrückt mich.

Eine bleierne Müdigkeit liegt auf mir, meine Stimmung ist gedrückt und wären Paolo und Antonio nicht, ich würde den ganzen Tag schlafend in der Kajüte verbringen. Das Lächeln meines kleinen Spatzes reißt mich aus der Lethargie, mit ihm zu spielen, geduldig ihm das Sprechen beizubringen und zu sehen, wie er Diabolo um den Verstand bringt in dem er ihn mit verfilzten Wollknäueln durch die Kajüte jagt, dies sind Momente die mich wachrütteln. Am späten Abend, wenn Paolo sanft in seinem Bettchen schlummert, schleicht sich Antonio gelegentlich zu mir. Wir sitzen dann auf einem der Schaffelle, den Rücken an die Koje gelehnt, trinken ein Glas Wein und reden über Italien, die Seefahrt und das Leben im Allgemeinen. Bevor Antonio dann zurück ins Mannschaftsquartier geht, küsst er mich so voller Zärtlichkeit, das mich Angst überkommt, mich und mein Herz an diesen Kerl zu verlieren. Dabei sind die Grenzen klar gesteckt, die Regeln eindeutig, es ist ein Geben und Nehmen, ganz nach Bedarf, ohne Forderungen, bar jeder Moral und es tut so unendlich gut.

Denn eines habe ich mir geschworen, nie wieder einen Mann so nah an mich heranzulassen das es weh tun könnte ...

26.+27. Scheiding 1458 – Lehzë

Den Hafen von Lehzë kenne ich inzwischen recht gut. Ich weiß wann die Fischer hinausfahren und wann sie mit ihrem Fang zurückkehren, ich weiß welches Boot die Lotsen benutzen und ich weiß auch, in welcher Ecke sich die zwielichtigen Gestalten gerne herumtreiben. Was weder ich, noch der Steuermann und schon gar nicht der Kapitän wissen ist wann wir endlich an Land können. Will man uns hier nicht haben oder ist dies reine Behördenwillkür um zu verdeutlichen wer hier das sagen hat?

Verdammt ich will an Land und zwar so schnell wie möglich und nicht nur ich! Gypsy rennt ganz verstört an Deck auf und ab, riecht Düfte, die es genauer zu erkunden gilt, sieht Bäume und Gras wo es sich so herrlich ...  Hundegeschäfte eben. Sie ist kaum zu bändigen und ich habe Angst sie könnte über Bord springen.

Nach zwei Tagen habe ich die Nase voll. Es ist der Bootsmann der mir behilflich ist das kleinste Boot ins Wasser zu bringen. Im Schutz der Nacht steure ich eine abseitsgelegene Anlegestelle an und lasse die Hündin an Land. Während sie ihren Ausflug genießt bleibe ich im Boot und hoffe das mich Niemand erwischt. Doch selbst wenn, ich sitze ja im Boot und habe nicht albanisches Land betreten und wo steht geschrieben, dass Hunde eine derartige Erlaubnis brauchen?

Schwanzwedelnd springt Gypsy nach einer gefühlten Ewigkeit ins Boot zurück. Ihr hat der Landgang sichtlich Freude gemacht – wenigstens einer, der auf seine Kosten gekommen ist. Während das kleine Boot an der Rückseite anlegt, stößt eines an der Vorderseite ab. Wie ich später erfahre, brachte ein Bote Nachricht, das der Hafenmeister dieser Tage nicht im Dienst sei. Fein – hätte man das nicht gleich sagen können anstatt uns warten zu lassen und warum bitte schön hat so ein Hafenmeister keinen Stellvertreter? Oh ja ..., meine eben noch im Aufschwung befindliche Laune hat einen spürbaren Dämpfer bekommen und es schaut so aus, als würde ich morgen ungenießbar sein. Vielleicht sollte ich mich morgen in meiner Kajüte einschließen, denn sonst wird es unangenehm. 

*nach einem Teebecher greifend, ihn an die Wand werfend, anschließend Paolo beruhigend und mit ihm in die Koje sich verkriechend*

28. Scheiding 1458 – Gute und schlechte Nachrichten

Es grenzt an puren Hohn wenn ein Oberbüttel oder wie man ihn hier nennt uns mitteilt, das Ausländer keine Waren am hiesigen Markt verkaufen dürfen und sie andernfalls angeklagt werden. Im gleichen Atemzug wird uns aber mitgeteilt, dass er uns Kontakte verschafft, damit wir auf einem so genannten „Schwarzmarkt“ verkaufen können. Da frag ich mich doch, wo wir hier gelandet sind, wenn die obersten Instanzen Gesetze nach gut Dünken nutzen.

Doch was nutzen uns solch Zusagen, wenn wir nicht anlegen dürfen. Die Anfrage zum Anlegen wurde noch nicht beantwortet heißt es immer wieder. Die Nerven liegen blank ...

Ein weiterer Bote brachte Post aus der Heimat – für mich! Drei Briefe sogar!!!

Mein liebster Freund, der werte Konstantin hat auf meine Entschuldigung geantwortet. Nur kurz, aber das bin ich von ihm ja gewohnt. Er schickt eine Liste der aktuellen Marktlage und bestätigt, das wir in Sankt Georg keine Lizenzen zum Handeln beantragen müssen. Welch gute Nachricht. Auf unser Wiedersehen freue ich mich schon sehr.

Die nächste Nachricht kam aus Amstetten. Der Herr Warsling hat mein Feld gekauft – Danke!

Nachricht Nummer drei schockierte mich. Sanguinius soll verstorben sein. Das muss eine Verwechslung sein, doch nicht DER Sanguinius!? Schreiben wollte ich ihm noch, vom Schiff berichten und von der Reise. Er war so interessiert daran, immerhin ist er ..., nein er war selbst Kapitän eines Schiffes. Warum nur, wie konnte das passieren?

Schließe ich die Augen, dann sehe ich ihn vor mir, in seinem hellen Gewand, ein feuchter Fleck auf seiner Brust, eingesabbert von Hannes als er ihn auf dem Arm hatte.

Auch wenn ich ihn nur kurz kannte, so hat er doch mehr Eindruck hinterlassen als manch anderer Mensch, den ich länger kenne. Während die Erinnerungen an andere Bekanntschaften schnell verblassen, wird er präsent bleiben. Gute Reise auf eurem Weg in die Unendlichkeit werter Sanguinius ...

29.+30. Scheiding 1458 – immer Richtung Süden

Aiolos, der Gott des Windes meint es gut mit dem Schiff, bläht die Segel und schenkt dem „Goldenen Falken“ ein zügiges Vorankommen. Auch wenn wir nun beständig Richtung Süden fahren, so zeichnet sich doch ab, dass die schöne Zeit vorbei ist und wir uns auf ungemütliches Wetter und stürmische Zeiten vorbereiten müssen.

Unter den wachsamen Augen der gesamten Mannschaft tobt Paolo ausgelassen an Deck umher und wenn ihm kalt wird dann kuschelt er sich an mich. Längst hat er seine Scheu überwunden und ich denke er akzeptiert mich so, als wäre ich seine Mutter. Seine Nähe, sein Lächeln geben mir den inneren Frieden zurück, schenken mir Ruhe und Halt, wenn mein Leben droht die falsche Richtung einzuschlagen und sie schenken Wärme, nicht den kalten Händen und Füßen, jedoch dem Herz. Erstaunlich was so ein glückliches Kinderlächeln bewirken kann.

Paolo macht übrigens Fortschritte beim reden. Gestern hatten wir uns wieder sein Bilderbuch angeschaut und als wir beim abgebildeten Hund ankamen, da zeigt er auf Gypsy die zu unseren Füßen lag und sagte: „da ... wau wau!“

Fast hätte ich ein bedeutendes Ereignis vergessen zu erwähnen. Marci wurde von der Herzogin LadyHera mit einem Lehen betraut. Er darf sich nun Ritter Marc de loris Freiherr von Grevesmühlen nennen. Keine Ahnung ob ich den Titel so richtig wiedergegeben habe, denn mit Adel und Rängen habe ich es nicht so.

Oh je, zwei Freiherren an Bord, das kann noch heiter werden ...

 

 

 

 



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